Abschied von der Moderne

Nachdem das „Experimentelle Karree“ schon seit einiger Zeit unter Anführung fadenscheiniger Argumente zur Disposition steht und Radio T seinen Betrieb einstellen muss, sollten nicht in kürzester Zeit 11000 Euro aufgetrieben werden, gehen jetzt womöglich noch im AJZ an der Chemnitztalstraße die Lichter aus, da das Jugendamt die Mittel kürzen will.

„Angekündigte Kürzungen im Jugendbereich 2010 bedeuten das Ende des AJZ, eine Vielfalt an Projekten ist davon betroffen. Das größte soziokulturelle Jugendzentrum der Stadt Chemnitz, seit knapp 20 Jahren einer der bedeutendsten Träger von Jugend- und Kulturarbeit in der Stadt, ist in akuter Gefahr. Das Jugendamt Chemnitz hat in einem Gespräch mit dem Vorstand des AJZ am 28.10.2009 drastische Kürzungen angekündigt. Im Haushaltsjahr 2010, so das Jugendamt, sollen keine Gelder mehr für den vom AJZ e.V. betriebenen Kinder- und Jugendhauses „Benario“ im Stadtgebiet Brühl zur Verfügung stehen, was die Schließung des an diesem sozialen Brennpunkt dringend benötigten Klubs bedeuten würde. Darüber hinaus sieht der Maßnahmeplan, aus Sicht des AJZ ein Kürzungsplan, den Wegfall der Mittel für die außerschulische Jugendbildung vor. Dies bedeutet sowohl auf der fachlichen als auch auf der finanziellen Ebene einen Einschnitt, der das Ende des Hauses und des Vereins AJZ e.V. bedeutet. Derzeit wird das Haus mit 2,5 Stellen aus der Jugendförderung der Stadt getragen. Die Kürzung dieser sowieso schon äußerst knappen Stellen und Mittel um eine ganze Stelle wäre nicht kompensierbar. Dies würde zugleich auch das Ende der vielfältigen ehrenamtlichen Projekte bedeuten, die im Haus angesiedelt sind. Aussage des Vorstands: „Dem Jugendamt ist offensichtlich nicht klar, was sie da vorhaben. Wenn diese Kürzung so durchgeht, müssen wir am 1. Januar die Lichter hier ausmachen.“ Für die kulturelle und soziale Situation der jungen Menschen in Chemnitz und der gesamten Region hätte dies verheerende Folgen, schließlich würde dies den Wegfall einer Vielzahl von Angeboten und Möglichkeiten bedeuten, ich nenne hier nur die internationalen Jugendaustauschprojekte und Konzerte, mit denen dieses Haus groß geworden ist.“ In einer eilig einberufenen Mitgliederversammlung des AJZ e.V. wurden breite Protestaktionen gegen die Kahlschlagpläne des Jugendamtes besprochen. Keine der von der Stadt angedachten Kürzungen ist aus Sicht des Vereins hinnehmbar.“

Quelle: http://www.ajz.de/

Das ist also die Politik der „Stadt der Moderne“.  Das Gute daran: Künftig braucht sich kein Soziologe mehr beschweren, dass Chemnitz in „kulturelle Inseln“ zerfasert ist. Diese werden Schritt für Schritt, eine nach der anderen entvölkert. Zurück bleibt: Stille.

Add comment 30. Oktober 2009

Stadt der Moderne? Ein Versuch.

Stadt der Moderne? Über kaum ein anderes Thema wird in Chemnitz derzeit so leidenschaftlich gestritten wie über den seit Sommer aggressiv propagierten Werbeslogan des Rathauses. Nun, eigentlich trifft „gespottet“ besser. Die Gegenkampagne  „Chemnitz zieht weg“ von bisher unbekannten Künstlern, die die Motive der offiziellen Kampagne übernimmt und ihre Überheblichkeit süffisant mit dem Slogan „Statt der Moderne“ ins Lächerliche zieht, ist gerade unter den Kreativen der Stadt populärer als ihr Vorbild, weil sie den Finger genau in die Wunden legt, die das Rathaus mit ein paar schicken Bildern und platter Hurra-Propaganda überspielt. Ist der Slogan deshalb wertlos?

Am heutigen Mittwoch weilte mit Jens Kassner einer der profiliertesten und scharfsinnigsten Beobachter des Chemnitzer Kulturlebens in der Stadt (er selbst ging lieber ins Exil nach Leipzig), um über den Slogan „Stadt der Moderne“ zu referieren. Eine wirkliche Antwort auf die Frage Ist Chemnitz wirklich eine Stadt der Moderne? blieb er allerdings schuldig. Stattdessen versuchte er sich an der Frage, was „modern“ im Allgemeinen und im Slogan eigentlich bedeutet und offenbarte damit bereits ein Kernproblem der Kampagne – ihre Verständlichkeit. Wann ist man denn als Stadt modern?

Liest man sich die Kommentare der Chemnitzer im Kubus auf dem Markt durch, so herrscht eigentlich ein großes Durcheinander:  Da gibt es Lobhudeleien auf die Innenstadtarchitektur, die technonologischen Errungenschaften, die Innovativität allgemein usw. Obwohl dies nicht einmal unbeabsichtigt zu sein scheint, muss Kassner, selbst Co-Autor des Slogans, letztlich eingestehen, dass Chemnitz seinem Anspruch, „modern“ zu sein, nicht nachkommt. Sein Modernitätsbegriff ist zweischneidig: Einerseits in der Geschichte Großes auf technologischem und kulturellen Gebiet vollbracht zu haben (hier ist für ihn angefangen vom Lucretia-Portal des Rathauses bis zum neuesten Technologiepark am Campus erstmal alles „modern“), andererseits immer offen für Neues zu bleiben, Widerspruch zu dulden, zielorientiert und fortschrittlich zu arbeiten.  Genau hieran kranke es aber:  Chemnitz sei zwar technologisch innovativ, aber nicht gesellschaftlich und kulturell. Anstatt Freiräume für neue Ideen zu bieten, verharre die Stadt in einer retrospektiven Sehnsucht nach „Ordnung, Sauberkeit und Ruhe“ und schrecke damit kreative Menschen ab (ExKa, Reba 84) . In Anspielung auf die Funktion der beiden Gehirnhälften (Ratio – Gefühl), mit der er die „2. Moderne“ symbolisiert, kommt er nicht umhin zuzugeben, dass Chemnitz ein „Schlaganfallpatient“ sei.

So weit so bekannt.

Wer aber ist nun für diese missliche Lage verantwortlich? Sicherlich mag es strukturelle Gründe geben (die Isoliertheit des Campus, die Insellage urbaner Zentren, die fehlende Revoluzzer-Tradition), aber auch Kassner gibt zu, dass das Projekt „Moderne“ gezielt torpediert wird. Wenn die Verantwortlichen der GGG zugeben, keine „Connewitzer Verhältnisse“ in der Stadt haben zu wollen (Kassner), wenn die Mittel für die Durchführung der Brühl-Begehungen gestrichen werden, wenn die Bedürfnisse der älteren Generation nach Ruhe und Ordnung mehr Gewicht besitzen als der Sturm und Drang der Jugend,  wenn stur nach „mechanischen Lösungen“ (ein Diskutant) gearbeitet wird, wenn man erst handelt, und dann diskutiert (Stadtabriss, diese Kampage), dann erhärtet sich der Verdacht, dass man sich zwar im Rathaus gern mit dem Label „modern“ schmückt, aber nicht zulassen will, dass dieser Begriff mit Inhalt gefüllt wird, der außerhalb des Rathauses ausgeheckt wird und womöglich Kritik seiner Politik heraufbeschwört.

All das erklärt, warum diese Kampagne so überheblich, aber zugleich auch kleingeistig und lächerlich wirkt. Aus dem Publikum kam zurecht die Kritik, dass die Leistungen von Chemnitz im Vergleich recht bescheiden ausfallen. „Moderne“ Architektur steht in jeder Großstadt, ein Technologiepark auch, unsere Uni ist höchstens gehobener Durchschnitt, die grünen Maschendrahtzäune an früheren Häuserstandorten zeigen, dass wir den notwendigen Stadtumbau nicht in den Griff bekommen, große Persönlichkeiten gingen schon immer aus Chemnitz weg (Carl Schmitt-Rottluff, Michael Ballack, ja Kassner selbst!) und so weiter und so fort. Chemnitz als „Stadt der Moderne“, ja, als ihr Symbol? Sarkastisches Gelächter und Kopfschütteln waren im Vortrag nicht selten zu vernehmen und es gibt gute Gründe, die „Statt der Moderne“-Gegenkampagne glaubwürdiger zu finden als ihr Vorbild.

Wie aber weiter? Es geht hier ja nicht nur um einen x-beliebige Slogan, sondern um den Anspruch, den er vermittelt. An der Spitze zu stehen, Impulse auszusenden, lebendig und avantgardistisch zu sein. Umso beängstigender ist, dass vor allem Fatalismus und Sarkasmus die Debatte auszeichnen, will man sie denn überhaupt so nennen. Es mangelt an Diskussionskultur und das auch – so viel Selbstkritik muss sein – unter der Intelligenz. Wo sind denn die protestierenden Intellektuellen? Wenn denn alles so schief läuft, warum beklagt sich Kassner nur, sondern bricht die Regeln nicht (er hat mehrmals betont, dass dies den Fortschritt ausmacht) und ruft nicht mal zum Protest-Flashmob auf? Was machen eigentlich die vielen Chemnitzer Künstler? Warum überlässt man die Deutungshoheit über die Stadt einem ruhe- und ordungsbedürftigen Rentnerstadl? Einfach zu gehen kann doch wirklich keine Lösung sein.

Insgesamt ist der Slogan „Stadt der Moderne“ aber dennoch eine gute Sache, denn er führt den Entscheidungsträgern tagtäglich vor Augen, was sie nicht sind, aber doch so gern sein wollen. Bei genauer Auslegung des Begriffs stärkt er die Kreativen und Innovativen, ist er eine Waffe gegen die Duldsamkeit. Nehmem wir das Rathaus beim Wort! Bis vielleicht die nächste – unverdächtigere – Slogansau durchs Dorf gejagt wird.

——————

In altbekannter Manier wird darüber natürlich auf Sachsen Fernsehen diskutiert.

 

Add comment 29. Oktober 2009

Rätselspaß mit City Cards

Ich tapeziere seit einiger Zeit meine Wände mit City Cards, diese Postkarten, die in jeder Kneipe herumliegen. Bei einigen Perlen ist es gar nicht so leicht herauszufinden, für wen da auf skurrile Art und Weise geworben wird… (die Auflösungen gibt’s am Ende des Artikels)

1. Wer treibt es wohl gerne bunt?

Wer treibt es wohl gerne bunt?

2. Ein Bordell? Eine Striptease-Bar?

Titten

3. Mit ein bisschen Phantasie ist das machbar!

Puzzle

4. Das lieg doch wohl völlig auf der Hand!

Des Kriepels Titten

5.  Zum Schluss das Highlight überhaupt!

Gut zu vögeln!

Auflösung: 1. Eine örtliche Wäscherei, 2. Titten sind Titten!, 3. Aufruf zur Organspende, 4. Ein Fitnessstudio… was denn sonst!?, 5. Wahlwerbung für die Partei der FeministInnen, UmweltschützerInnen und KaßbergbewohnerInnen… seit wann sind die ironiebegabt?

Add comment 16. September 2009

Ironie für Kenner (2)

Kann das wirklich noch Zufall sein? Der geneigte Leser kennt diese Stelle ja schon.

Clausstraße

Add comment 16. September 2009

Wo sind die Prostituierten?

Nein, nein, ich suche keinen schnellen Sex. Nicht solchen. Aber:

Bevor ich hier her gezogen bin, habe ich so allerlei Schauergeschichten vom Sonnenberg gehört. In jedem dritten Haus ein Bordell, Drogenhandel allerorten , „Krawall und Remmidemmi“ (Jessika M.). Nun, nach knapp einem halben Jahr im „Hardore-Sonnenberg“ Gießerstraße, dem angekündigten Zentrum allen Übels muss ich sagen: So ein Quatsch! Hier passiert gar nichts! Mein Auto hat noch nie so friedlich geparkt, ne Polizeisirene hab ich noch nie vernommen und das Lauteste, was nachts jemals zu hören war, war ein – durchaus spektakulärer – Frettchenkampf auf der Kreuzung. Ansonsten sagen sich hier Fuchs und Hase genauso gute Nacht wie überall sonst in Chemnitz. Die menschlichen Abgründe, auf die ich mich so gefreut habe (ich empfinde das durchaus bereichernd für das eigene Weltbild), finden höchstens in Statistiken statt. Im Straßenbild selbst sieht man Armut, ja, aber nur wenige Skurrilitäten. Nichts, was es nicht überall anders auch gibt. Mir war natürlich bewusst, dass dies hier nichts die Dresdner Neustadt oder Leipzig-Connewitz ist, dafür exisitiert einfach kein studentischer kreativer Nährboden, der an die Öffentlichkeit drängt. So etwas erwarte ich ja nicht einmal, aber muss es denn gleich so apathisch sein? Tragt Euer Leben nach draußen! Zeigt, dass dies keine Schlafstadt ist! Es gibt hier mindestens eine Person, die das alles interessiert und genau deswegen hier wohnt!

Ein klein wenig bin ich enttäuscht.

1 comment 2. September 2009

Neues vom Sonnenberg: Wahl+Partner

Nachdem ich mich schon lange gewundert hab, dass die beiden Baustellen von Wahl+Partner an der Markus- und an der Würzburger Straße schon seit Ewigkeiten brachliegen und sich nicht einmal jemand um die Baustoffe und -maschinen kümmert, hab ich heute mal gegoogelt: Die Firma ist insolvent und ihr Chef wegen Anlagebetrug (kann man das so sagen?, ich denke schon) vor Gericht. Die Datierungen deutet darauf hin, dass die Probleme nicht allein durch die aktuelle Krise im Bausektor ausgelöst wurden und auch 2007 stand Wahl bereits vor der Pleite.

Zur Erinnerung: Hartmut Wahl hatte seit einigen Jahren besonders auf dem Sonnenberg zahlreiche Altbauten saniert und fiel medial durch seine harsche Kritik an der Baupolitik der Stadt auf (die Rede ist vom „Holocaust“-Brandbrief an OB Ludwig). Ich hatte auch mal Gelegenheit, ihn anlässlich der Gründung des Chemnitzer Stadtforums selbst kennzulernen und zugegebenermaßen war mir das Ganze damals schon suspekt. Alle sprachen von Abriss, er von rentabler(!) Sanierung. Weshalb sollte eine Firma mit einer Politik Erfolg haben, von der andere sagen, dass sie völlig irreal sei? Ich hatte gehofft, dass er am Ende Recht behalten wird. Hat er nicht.

Keine gute Nachricht für Chemnitz.

Add comment 22. August 2009

Einige Beobachtungen zu: Berlin

Ich war die Tage in Berlin, um im Bundesarchiv für meine Dissertation zu forschen. Nebenbei ist mir da Einiges ins Auge gesprungen:

Anhalter Bahnhof: Die Reste der Fassade stehen lassen und auf dem ehemaligen Gleisbett Sportplätze anlegen? Spektakulär! Diesen Schneid muss man erst mal haben.

Plattenbauten: Gab’s – zu meiner Überraschung – doch auch recht häufig im Westen. Galt das unter kapitalistischen Bedingungen nicht als ziemlich aufwendig? Muss man das also als gestalterische Extravaganz sehen? Ein Hoch auf die Postmoderne!

Sozialdemokraten: In jede Bau-(Kriegs-)lücke eines Villenviertels Blöcke mit Sozialwohnungen reindrücken? Das haben nicht mal die „drüben“ gemacht.

Postmoderne: Zuckersüß, diese Friedrichstraße. Ist das nun eine kritische Aneignung historischer Bauformen, so eine Art NatiTradi-Reloaded oder doch bloß Kitsch? Ich bin mir unsicher. Für Platten mir Dekor bekommen die zuständigen Architekten aber ein Bienchen ins Muttiheft.

Schwanzvergleicharchitektur: Ein wohl nicht geführtes Streitgespräch zwischen Hermann Henselmann, Chefplaner der Ostberliner Stalinallee, und Otto Bartning, Verantwortlicher für das Hansa-Viertel am Tiergarten: „Ich sag Dir Otto, wir können unsere Städte steriler, langweiliger und lebloser aufbauen als Ihr!“ „Ha! Ihr werdet Euch noch wundern! Dies gesamte Architekturelite der Welt schafft das viel eindrucksvoller!“. Vorschlag zur Güte: Ihr habt beide Euer Bestes getan! Unentschieden. Aber beide werden um Längen geschlagen vom…

Potsdamer Platz: So ein Blödsinn. Mal abgesehen vom interessanten Sony-Center sterile Büroarchitektur gepaart mit postmodernen und konstruktivistischen Spielereien (dieses Mercedes-Benz-Zentrum! Oje!). Wann hat die Welt ein Einsehen, dass man ganze Städte nicht am Zeichentisch planen kann?

Döner: Auch nicht besser als in Chemnitz. Dafür viel teurer.

Union-Fans: Coole Typen. Scheiß Dynamo!

Add comment 22. August 2009

Über Karl Marx und anderen Unsinn

Neulich hatte ich ein nettes Gespräch mit einem Kommilitonen (der zugleich für die Texte der bezaubernden L.E.G.O. Sputnik verantwortlich zeichnet) und da ist mir wieder eingefallen, dass ich schon lange mal was über das Marxmonument und sein bauliches Umfeld loswerden wollte. Es ging nämlich um seine kommende Magisterarbeit, in der er sich mit sozialistischem Städtebau und kommunaler Identiät auseinandersetzen will. Spannendes Projekt, gerade am Beispiel Chemnitz. Was haben uns die baulichen Zeugnisse der DDR heute noch zu sagen? Wie gehen wir heute damit um? Ich komme da zu einer eher pessimistischen Einschätzung…

Eins vorweg: Jedes Gebäude ist in irgendeiner Form codiert, transportiert eine Idee, den Anspruch der Bauherren. Gerade politische Bauten sind hochgradig symbolbehaftet. Nicht umsonst baut man Parlamente aus Glas und Stahl, zeugen diese Materialien doch von Transparenz und der Verbundenheit von Volk und Vertretern. Oder man vergleiche den Kanzlerbungalow in Bonn mit dem Kanzleramt in Berlin: Besser kann man die veränderte Rolle Deutschlands in der Welt kaum beschreiben.

Zurück zu Chemnitz. Wir haben es hier mit einem Ensemble zu tun, das in seinem Auftreten stark politisiert, ja geradezu religiös aufgeladen ist. Da ist Marx, da ist die Parteizentrale im Hintergrund, da ist die Magistrale Brückenstraße: Es fehlen nur die Ehrentribüne und die demonstrierenden Massen mit Winkelementen, und es wäre wie früher. Nun, man kann dies als Skurrilität an Touristen verkaufen – wie es im Moment getan wird – mehr meines Erachtens aber auch nicht. Davon zeugt die tagtäglich zu beobachtende Trostlosigkeit rund um Marx. Wozu sollte man dort hingehen? Es zieht, es ist laut, es gibt dort rein gar nichts zu tun. Von Aneignung kann überhaupt keine Rede sein. Nicht umsonst hat die Neuere Sächsische Galerie den Kopf letztes Jahr verhüllt: Sie wollte ihn zurück ins öffentliche Bewusstsein bringen. Was macht man nun also mit dem Ding? Als ich vor ein paar Wochen mal nachgefragt habe, erntete ich nur ratloses Achselzucken. „Tja, es ist halt da.“, sollte das wohl heißen. Ist aber auch wirklich ne klifflige Frage. Als Mahnmahl gegen den Sozialismus kann es kaum taugen, dafür ist er nicht genug geächtet. Als positives Identifikationsmoment aber auch nicht: Was haben wir heute schon noch mit Marx zu tun? Angesichts der Shoppingmall-Zentrumskonzeption des aktuellen Rathauses ist Marx und der gesamte Platz ein ideeler Fremdkörper.

Die politische Symbolik des Platzes ist nur ein Hindernis. Das zweite ist die wie kaum an einer anderen Stelle verkörperte Arroganz der Moderne. Dieser Platz fügt sich nirgendwohin ein, er wurde dem überkommenen Stadtgrundriss gewaltsam übergestülpt. Ganze Straßenzüge wurden für ihn beseitigt und statt Tore zu den angrenzenden Stadtvierteln zu öffnen, hat man Mauern errichtet. Mauern gegen die verhasste Bürgerlichkeit am Brühl, an der Hartmannstraße, am Opernplatz, am Markt. Dies wirkt heute, da man die einst völlig ausgelöschte Altstadt versucht wiederzubeleben, umso stärker nach. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass das Brühlviertel so verödet ist, denn der Anschluss an die Innenstadt fehlt, zu ihr existiert kein direkter Weg mehr. Geht man den Brühl in Richtung Stadtzentrum, so steht man irgendwann mal im Hinterhof des Verwaltungsgebäudes entlang der Brückenstraße. Geht man vom Zentrum Richtung Brühl, steht man irgendwann an einer unwirtlichen Straßenkreuzung und mag schnell wieder umkehren. Dieser Platz, einst als neues Zentrum der Stadt entworfen, ist heute nur noch ein Hindernis, ein baulicher Fremdkörper in einer völlig gewandelten Aufassung von Stadt und Urbanität, eine Mauer zwischen zwei Liebenden – dem Zentrum und dem Brühl, die sich doch haben können. Dieser Schaden ist irreparabel, denn moderne Architetur in ihrer solitären Erscheinung ist schlicht nicht anpassungsfähig. Man kann nicht einfach mal ein Stück herausbrechen oder etwas anfügen. Es ist da: Ganz oder gar nicht.

Der Denkmalschutz sagt „Ganz“, ich sage „Gar nicht“. Dieses Monster hinter Marx muss weg. Anders kann meiner bescheidenen Meinung nach die Altstadt nicht aus ihrer Insellage und den Brühl nicht aus seiner Abgeschiedenheit befreien. Das Monument kann ja als Skurrilität stehen bleiben, aber es muss sich in den Stadtorganismus einfügen. Es muss damit Schluss gemacht werden, dass dieser Platz als Flächendenkmal betrachtet wird. Freilich ist er es mit seiner Marxbezogenheit, aber – mit Lenin gesprochen – wem nützt das? Identität vor Denkmalschutz! Dass das Ensemble hier nichts zu leisten im Stande ist, sieht man am großen Leerstand der Ladenlokale und der Apathie, mit der die Chemnitzer diesem Areal begegnen. Deshalb:  Wiederherstellung des alten Stadtgrundrisses, die die Kluft zwischen Zentrum und Vorstadt beseitigt.

Mir ist bewusst, dass da ein riesiger Rattenschwanz dran hängt: Dem Abriss müsste auch eine Verengung der Brückenstraße folgen, dazu die Beseitigung der Appartmenthäuser entlang der Mühlenstraße (man stelle sich vor: Vorortsiedlungsatmosphäre mit Stell- und Wäscheplätzen keine 100 Meter von der Oper entfernt! In Chemnitz Realität!). Anschließend müsste das gesamte Areal auch wieder neu bebaut werden. Im Moment ist dies freilich nicht möglich, aber ich denke, dass es falsch ist, sich mit dieser unerträglichen Situation abzufinden.

Add comment 14. Juli 2009

Viva la Schlafgesang!

Dass die Revolution tot ist, wird jetzt auch musikalisch untermalt, nämlich von der Wiener Sektion der SPÖ. Die hatte die clevere Idee, die „Internationale“ mal so richtig aufzupeppen. Das Ergebnis ist, nunja, beeindruckend.

Hier geht’s zum Spex-Artikel.

Add comment 3. Juli 2009

Oubaaamääänia!

Obama in Dresden und Deutschland lacht mal wieder über unsere fehlende Political Correctness (Ein „Schwarzer“, na bitte schön was denn sonst!?), unseren Dialekt und überhaupt unsere Dummmheit. Hier geht’s zum Video. Aber wenn’s gegen Dresden geht, mach ich doch gleich mal mit!

Add comment 5. Juni 2009

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Chemnitz ist eine spannende Stadt. Eine Liebe auf den zweiten Blick. Streitbar, faszinierend und abstoßend zugleich, voller Schönheit und Hässlichkeit, manchmal etwas langweilig, aber immer liebenswert. Diesem Lebensgefühl will dieser Blog Ausdruck verleihen, völlig ideologiefrei, nur die Idiotie der menschlichen Existenz mit einer Prise Selbstironie offen legend.

Für den ganzen Mist hier verantwortlich und für Beschimpfungen und Anregungen stets aufgeschlossen:

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