Random links (1)

Philipp Meuser von der Berliner Zeitung über das Grand Hotel auf der Berliner Friedrichstraße, einem hier so seltenen Zeugnis der Postmoderne in der DDR:

“Unter dem Diktat der Wirtschaftlichkeit wurden neue Produktionsweisen des industriell vorgefertigten Plattenbaus entwickelt, die alle Baugattungen eroberten. Doch noch in den achtziger Jahren entstanden zuweilen neue Mischformen, die historisierende Repliken mit zeitgemäßen Neuinterpretationen verbanden.”

Die Zeit aus Hamburg mit einem schon recht bekannten Artikel über den massenhaften Abriss in Ostdeutschland:

“Für viele kommunale Wohnungsgesellschaften ist der Rückbau tatsächlich eine Einnahmequelle. In den ersten Jahren des Stadtumbaus Ost gab es bei jedem Abriss 60 Euro »Rückbauprämie« pro Quadratmeter, nach der Änderung des Förderprogramms sind es noch 50 Euro. Außerdem kommt die sogenannte Altschuldenhilfe in Höhe von rund 70 Euro pro Quadratmeter dazu, mit der alte Kredite aus DDR-Zeiten getilgt werden. Für den Abriss der drei Häuser in der Leipziger Straße würde die GGG so rund 300000 Euro verdienen. Subventionierte Vernichtung von Geschichte.”

Die Neue Züricher Zeitung mit einem geistreichen Beitrag zur Debatte über den Wiederaufbau komplett vernichteter Gebäude, ein Thema, dem ich mich ja auch bereits einmal gewidmet habe:

“Dass man sich noch heute in der Rekonstruktionsdebatte auf Georg Dehios Satz «konservieren, nicht restaurieren» aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts beruft, zeigt einen eigentümlichen Mangel an geschichtlicher Reflexion an. Für Dehio war Echtheit an das Material gebunden, die alten Steine. Aber nach dem, was der Bombenkrieg der Jahre 1943–1945 angerichtet hat, die Vernichtung der baulichen Substanz fast aller deutschen Städte, kann man die Echtheit nicht mehr am Material festmachen, sondern muss die Kategorie neu bestimmen, und zwar von der Form her. Die Rekonstruktion der Dresdner Frauenkirche kann, obwohl sie nur wenige Spolien des alten Baus enthält, als authentisches Gebäude des Barock gelten, weil sie den alten Formgedanken hat wiedererstehen lassen.”

Add comment 26. Januar 2010

Ornamente

Ich war vor einiger Zeit in Prag und besuchte mit einer Freundin eine Ausstellung der Fakultät für Architektur der Uni Bratislava. Es ging um Projekte der dortigen Studenten. Natürlich: Viel Glas, viel Stahl und eine durchaus nett anzuschauende Vorliebe für die Villenbauten der klassischen Moderne, also Adolf Loos, Le Corbusier, Walter Gropius und Konsorten. Vor allem aber: Große Langeweile. Alles schon mal gesehen, kaum etwas, das wirklich ins Auge stach. Wahrscheinlich stabil projektiert, aber mehr auch nicht. Es ging sogar soweit, dass eine Studentin aus dem Fundus der geometrischen Figuren wirklich alles herausgepickt und daraus nach dem schlechtmöglichsten und eklektizistischsten Baukastenprinzip ein Haus konstruiert hat. Unironisch, wohlgemerkt.

Mal provokant gefragt: Warum zum Teufel schmücken wir unsere Häuser nicht mehr? Warum muss immer alles “Transparenz”, “Rationaliät” und “Funktionalität” (Sichtbeton!) symbolisieren? Warum kann man nicht wieder Häuser bauen, die “schön” sind, und das durchaus auch als Selbstzweck? Es ist doch nunmal eine Tatsache, dass sich Menschen in ornamentbeladenen Gebäuden wohler fühlen, dass Touristen nach Paris, Wien oder Prag strömen, um all den Kitsch an den Häusern zu bewundern! Natürlich ist das Betrug an der Vernunft (Adolf Loos), aber was soll’s denn? Hat Architektur wirklich noch den Auftrag, Werte zu vermitteln? Ist das nicht sowieso alles im Brei der Postmoderne untergegangen? Für wen halten sich Architekten, über das ästhetische Empfinden Max Mustermanns entscheiden zu dürfen? Natürlich hat Vittorio Magnago Lampugnani nicht Unrecht, wenn er schreibt, dass “[d]as Prinzip Hoffnung [...] nirgends plebiszitärer Mediokrität geopfert werden” darf, dass Architektur “verwirren, erschüttern, verärgern, nachdenklich machen, zum Nachdenken anregen” muss, aber eben nicht um jeden Preis. Seit nunmehr knapp einem Jahrhundert hadert die Menschheit mit der Moderne und so richtig warm wird sie mit ihr einfach nicht. Die Forderungen nach historischem Wiederaufbau zerstörter Stadtzentren zeigt, dass die Abneigung eher wächst, als dass sie abnimmt.  Sie erfordert eben einen Betrachter, der sich bewusst mit dem Prinzip Einfachheit auseinandersetzen will, der Architektur nicht nur hinnimmt, sondern sie als Anlass einer Auseinandersetzung mit sich, dem Raum, der Gesellschaft und der Idee betrachtet. Aber wer will das im Alltag schon ständig tun? Natürlich ist es architektur- und sozialgeschichtlich interessant, durch eine Plattenbausiedlung zu wandern, für einen Sonntagsspaziergang würde ich aber dennoch eine schöne Altstadt bevorzugen, nicht um zu wissen, sondern um zu fühlen. “Weniger ist mehr”, hat Mies van der Rohe gesagt; “Weniger ist langweilig” Robert Venturi und verdeutlicht damit den Widerspruch zwischen Ratio und Gefühl in der Architekturbetrachtung. Natürlich ist es oberflächlich, Architektur nur anzuschauen, es geschieht unbewusst und es ist überhaupt nicht das, was Lampugnani und mit ihm wohl die allermeisten Architekten von Architekturbetrachtung verstehen, aber projizieren sie nicht nur ihre eigene Wertestruktur auf die gesamte Gesellschaft? Reden sie nicht vielmehr von Sollvorstellungen, als über das, was die meisten Menschen tatsächlich mit Architektur tun? Sie nämlich einfach nur in ihrer harmonischen Wirkung mit kindlicher Naivität genießen? Welcher Tourist weiß schon über Baustile, gesellschaftliche Ursachen und Architekten Bescheid, wenn er durch Rom oder Paris wandert? Aber ist dies nicht völlig in Ordnung, solange es ihnen gut dabei geht? Muss sich denn die Architekturelite immer für die “Schafherde” Menschheit verantwortlich fühlen, sie zu Höherem führen? Die Aneignung eines Raums, das Sich-Wohlfühlen geschieht nun mal unbewusst, aus einem diffusen Gefühl von Schönheit, Maßstäblichkeit und Harmonie, nicht aus Provokation und Verwirrung. Und deshalb ist es geradezu geboten, sich stärker den tatsächlichen, nicht den idealisierten Bedürfnissen der Menschen zuzuwenden, für die sich die Architekten ja berufen fühlen zu bauen. Es muss architekturtheoretisch einfach erlaubt sein, Gebäude und Räume ohne Bildungsimpetus “einfach so” zu erleben, ohne dass das Feuilloton dies mit Bauchschmerzen kommentiert.

Ich fordere nicht die Wiederbelebung der klassischen Formensprache, die ist im Historismus bis zum Erbrechen benutzt worden. Aber ich lehne es ab, dass Schlichtheit als Prinzip anerkannt wird! In den allermeisten Fällen ist sie “schlicht” ein Zeugnis gestalterischer Armut. Eine künstlerische Note, das Schmücken des Gebäudes darf nicht als Einknicken vor den bemitleidenswerten ästhetischen Empfindungen der Menschen diffamiert werden! Dazu gehört, das Werk nicht als Nabel der Stadt zu betrachten, sondern sich als Architekt zurückzunehmen, das Gebäude in die bestehenden Strukturen einzuordnen. Nicht auffallen um jeden Preis, sondern behutsame Weiterentwicklung bzw. Zurückgewinnung liebgewonnener städtebaulicher Strukturen. Freilich, seit 90 Jahren ist das Ornament in Westeuropa tot und es gibt wahrscheinlich niemanden mehr, der von sich selbst aus so bauen kann und will. Aber das bietet doch gerade die Chance, aus dem ästhetischen Trümmerhaufen der Moderne etwas Neues hervorzubringen! Ich glaube fest daran, dass das gesellschaftliche Bewusstsein dafür angesichts von historischen Zentrumswiederaufbauten und Townhouses gegeben ist. Das, was etwa im Chemnitzer Zentrum oder am Dresdner Altmarkt  zu sehen ist, kann und darf nicht der Weisheit letzter Schluss sein!

Baukunst voran!

2 comments 25. Januar 2010

Darüber diskutiert Chemnitz (1)

Stefan Locke von der FAZ über die Kulturarbeit in der Stadt und das Vorgehen  gegen das ExKa:

“Peter Rohland kennt solche Fälle zur Genüge. „Bürgerbeteiligung am Stadtumbau ist oft nur eine Alibi-Veranstaltung“, sagt der Vorstand im Bundesverband Wohnen und Stadtentwicklung. Kommunen und Wohnungswirtschaft machten meist das Wesentliche unter sich aus und betrachteten engagierte Initiativen als lästiges Übel.”

Sandro Schmalfuß macht sich in seinem Blog Gedanken über die Ursachen des immensen Wohnungsleerstand in der Stadt und legt den Finger in eine eigentlich nur allzu offensichtliche Wunde:

“So ist in den Zahlen u. a. mit eingerechnet Wohnungsbestand in unsanierten Häusern oder Wohnungsbestand der am Markt nicht nachgefragt ist. Letzterer ist in Chemnitz zahlreich vorhanden. Das sind Wohnungen, (billig) saniert ohne die heute üblichen und bei Mietern nachgefragten Ausstattungsmerkmale wie z. B. Balkon, Laminatfußboden/Parkett oder einen sinnvollen Wohnungsgrundriss.  Auch Plastefenster, glatte Pressspaninnentüren etc. machen eine Wohnung für Mieter unattraktiv. Weiter macht die Vermietung in Straßen Probleme wo zwar Häuser saniert wurden aber andere Gebäude, oft in Eigentum des großen städtischen Wohnungsunternehmens, unsaniert bleiben oder abgebrochen werden und so hässliche Lücken im Straßenbild entstehen.”

Das Netzwerk für Kultur- und Jugendarbeit e.V. zur Sitzung des Jugendhilfeausschusses letzte Woche:

“Trotz einiger Kritik seitens der Abgeordneten am Vorgehen und den fachlichen Bewertungen der Verwaltung wurden letztendlich Tatsachen herbeigeführt, die den Trägern und damit den Kindern und Jugendlichen ins Gesicht schlagen. Der Beschluss bestätigt im Grunde die für die freien Träger der Jugendhilfe unerträgliche Vorgehensweise der Stadtverwaltung und schadet außerdem dauerhaft den betroffenen Projekten und Trägern.”

Add comment 25. Januar 2010

Stadtteilförderung

Neulich hatte ich im Kaßca, einer sehr netten Kneipe auf der Barbarossastraße, ein ganz typisches Kaßberg-Sonnenberg-Gespräch. Als ich die Wirtin für ihren Laden lobte und anregte, doch eine Filiale auf dem Sonnenberg zu eröffnen, lautete ihre Reaktion, dass man doch bei diesen Leuten keine Kneipe aufmachen brauche, ja, man sich doch nicht einmal nachts auf die Straße trauen dürfe, noch nicht einmal, um vom Auto ins Haus zu gelangen!

Die letzte Notiz nur am Rande (so als Beispiel für diese gruselige Kaßberg-Arroganz), es geht mir um die erste Äußerung: Sie offenbart genau jenen Teufelskreis, der daran schuld ist, dass es hier doch etwas trostlos ist. Es gibt kaum ein ansprechendes Kneipen- und Einkaufsangebot, also zieht niemand hier her. Und wenn es hier keine entsprechende Klientel gibt, eröffnet hier auch niemand einen Laden. Die Leerstandsquote der Ladenlokale von grob geschätzt 50-60% spricht eine klare Sprache.

Wie wäre es aber, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, Anreize zu schaffen, sich hier anzusiedeln? Bunte Gärten, Spielplätze und Abbruch-Baulücken sind ja wohl eher ein schlechter Scherz. Doch: Jeder Industrieinvestor erhält Fördergelder, warum nicht auch ein Gastronom oder ein Drogerist? Man könnte doch beispielsweise einen Mietzuschuss zahlen, der eine zu erwartende Durststrecke von ein, zwei Jahren zu überbrücken hilft. Gleichzeitig könnte man auch Mieter anlocken, wenn man etwa sagt: Wer hier her zieht und länger als 3 Jahre hier wohnt, bekommt das erste halbe Jahr seiner Mietkosten zurück. Bis dahin könnte sich ein selbsttragendes System entwickeln und die Förderung könnte stufenweise zurückgefahren werden.

Dafür braucht es natürlich ein Konzept. Zu erwarten ist freilich ein starker Konkurrenzkampf und ein noch stärkerer Druck auf Stadtteile, die nicht derartig gefördert werden. Aber warum auch nicht? In Zeiten schwindender Einwohnerzahlen muss sich das Rathaus endlich dazu durchringen, den Rückbau konsequent zu betreiben, d.h. gegebenfalls auch einen ganzen Stadtteil aufzugeben. Es darf sich nicht länger hinter dem Scheinargument verstecken, dass man ja die Bedürfnisse der Einwohner des Heckert-Gebietes ernst nehmen und jedem seine Wohnung lassen müsse. Wer die Platte liebt, findet in dieser Stadt Hunderte andere baugleiche Wohnungen und es kann doch auch so geregelt werden, dass feste nachbarschaftliche Beziehungen gemeinsam einen neuen Block, etwa im Yorck-Gebiet oder in Kappel beziehen. Soviel zu den Bedürfnissen des Einzelnen. Die Vielen aber wollen eine lebendige, keine zersiedelte Stadt und diese muss zukunftsfähig bleiben. Mit “hohlen Zähnen” und Wohnblocks vertreut in der Landschaft wird dies wohl kaum gelingen. Denn: Was an städtebaulicher Karreestruktur einmal zerstört ist, kommt nicht wieder. In absehbarer Zeit wird kein Bauherr mehr Gesimse, Friese, Schaugiebel und Risaliten bestellen. Sollten irgendwann Plattenbauten wieder in Mode kommen, können die leichter wiederhergestellt werden. Deshalb braucht es endlich ein klares Bekenntnis zur Kernstadt, zum Sonnenberg, zu Schlosschemnitz, zum Brühlviertel. Der Kassberg funktioniert bereits und würde durch eine solche Maßnahme wohl kaum in Bedrängnis geraten, aber wenn sie dem Heckert oder vielleicht sogar einigen 90er-Jahre-Neubausiedlungen zu Leibe rücken würde, dann wäre das eine gute Sache, besonders wenn die dortigen Bewohner wirkliche Argumente statt bloßer Wir-müssen-eben-Abreißen-geht-nicht-anders-Rhetorik vorgesetzt bekämen.

5 comments 4. Dezember 2009

(Stadt)Landschaft

Lange nichts gehört in Sachen Stadtumbau Ost!  Aber was letzten Freitag schon in der Freien Presse zu lesen war, wird auch offiziell von der Stadt bestätigt. Die hanebüchene Politik der Ausdünnung der Stadt wird leider fortgesetzt:

“Im Bereich der Hausnummern 200 und 202 der Augustusburger Straße wird der Grünzug erweitert. Der seit den 1970er Jahren konsequent entwickelte Grünzug Augustusburger Straße wird damit weiter vervollkommnet.”

(Quelle.  Mit Dank an Frank von Stadt-hinter-dem-horizont.de)

Wenn es Chemnitz an einem nicht mangelt, dann ist es das Grün! Angeblich rangieren wir zwar mit 2,35% Grünanteil nur auf Rang 42 unter den 50 Großstädten des Landes, aber was wurde da wohl gezählt? Wahrscheinlich nur die öffentlich nutzbaren Grünflächen, also gerade nicht jene im Überfluss vorhandenen Grasflächen zwischen den Wohnblocks und auf Abrissbrachen. Genau die sind aber das Problem: Sie sind de facto nicht nutzbar, andererseits zerstören sie das Raumgefüge, das einen öffentlichen Park erst definiert. Dafür brauch es nämlich einen Gegenpart: die städtische Struktur (man rufe sich etwa den Central Park in New York in den Sinn). Es ist durchaus sinnvoll, in einer komplett “steinernen Stadt” ein einzelnes Karree herauszunehmen und es in einen Park umzugestalten, aber wenn auch der Rest ausgedünnt wird, macht ein Park keinen Sinn, ihm fehlt dann das Alleinstellungsmerkmal, er verliert sich in der Landschaft.  Proportionslos verkommt auch er über kurz oder lang zur Brachfläche (man denke nur an den Grünzug Zwickauer Str., der zwar (noch) gepflegt, aber einfach nicht genutzt wird.) Deshalb ist es grober Unfug, alle Abrissflächen auf Teufel-komm-raus und ohne Plan zu begrünen, ganz zu schweigen von der aberwitzigen Idee, das Einfallstor Augustusburger Straße sei ein angenehmer Aufenthaltsraum, wenn der “Park der Opfer des Faschismus” und der Zeisigwald nur wenige Meter entfernt sind.

Aber das Rathaus hat wieder eine feine Erklärung für den Stadtumbauabriss.

Add comment 1. Dezember 2009

Abschied von der Moderne

Nachdem das “Experimentelle Karree” schon seit einiger Zeit unter Anführung fadenscheiniger Argumente zur Disposition steht und Radio T seinen Betrieb einstellen muss, sollten nicht in kürzester Zeit 11000 Euro aufgetrieben werden, gehen jetzt womöglich noch im AJZ an der Chemnitztalstraße die Lichter aus, da das Jugendamt die Mittel kürzen will.

“Angekündigte Kürzungen im Jugendbereich 2010 bedeuten das Ende des AJZ, eine Vielfalt an Projekten ist davon betroffen. Das größte soziokulturelle Jugendzentrum der Stadt Chemnitz, seit knapp 20 Jahren einer der bedeutendsten Träger von Jugend- und Kulturarbeit in der Stadt, ist in akuter Gefahr. Das Jugendamt Chemnitz hat in einem Gespräch mit dem Vorstand des AJZ am 28.10.2009 drastische Kürzungen angekündigt. Im Haushaltsjahr 2010, so das Jugendamt, sollen keine Gelder mehr für den vom AJZ e.V. betriebenen Kinder- und Jugendhauses „Benario“ im Stadtgebiet Brühl zur Verfügung stehen, was die Schließung des an diesem sozialen Brennpunkt dringend benötigten Klubs bedeuten würde. Darüber hinaus sieht der Maßnahmeplan, aus Sicht des AJZ ein Kürzungsplan, den Wegfall der Mittel für die außerschulische Jugendbildung vor. Dies bedeutet sowohl auf der fachlichen als auch auf der finanziellen Ebene einen Einschnitt, der das Ende des Hauses und des Vereins AJZ e.V. bedeutet. Derzeit wird das Haus mit 2,5 Stellen aus der Jugendförderung der Stadt getragen. Die Kürzung dieser sowieso schon äußerst knappen Stellen und Mittel um eine ganze Stelle wäre nicht kompensierbar. Dies würde zugleich auch das Ende der vielfältigen ehrenamtlichen Projekte bedeuten, die im Haus angesiedelt sind. Aussage des Vorstands: „Dem Jugendamt ist offensichtlich nicht klar, was sie da vorhaben. Wenn diese Kürzung so durchgeht, müssen wir am 1. Januar die Lichter hier ausmachen.” Für die kulturelle und soziale Situation der jungen Menschen in Chemnitz und der gesamten Region hätte dies verheerende Folgen, schließlich würde dies den Wegfall einer Vielzahl von Angeboten und Möglichkeiten bedeuten, ich nenne hier nur die internationalen Jugendaustauschprojekte und Konzerte, mit denen dieses Haus groß geworden ist.“ In einer eilig einberufenen Mitgliederversammlung des AJZ e.V. wurden breite Protestaktionen gegen die Kahlschlagpläne des Jugendamtes besprochen. Keine der von der Stadt angedachten Kürzungen ist aus Sicht des Vereins hinnehmbar.”

Quelle: http://www.ajz.de/

Das ist also die Politik der “Stadt der Moderne”.  Das Gute daran: Künftig braucht sich kein Soziologe mehr beschweren, dass Chemnitz in “kulturelle Inseln” zerfasert ist. Diese werden Schritt für Schritt, eine nach der anderen entvölkert. Zurück bleibt: Stille.

Add comment 30. Oktober 2009

Stadt der Moderne? Ein Versuch.

Stadt der Moderne? Über kaum ein anderes Thema wird in Chemnitz derzeit so leidenschaftlich gestritten wie über den seit Sommer aggressiv propagierten Werbeslogan des Rathauses. Nun, eigentlich trifft “gespottet” besser. Die Gegenkampagne  “Chemnitz zieht weg” von bisher unbekannten Künstlern, die die Motive der offiziellen Kampagne übernimmt und ihre Überheblichkeit süffisant mit dem Slogan “Statt der Moderne” ins Lächerliche zieht, ist gerade unter den Kreativen der Stadt populärer als ihr Vorbild, weil sie den Finger genau in die Wunden legt, die das Rathaus mit ein paar schicken Bildern und platter Hurra-Propaganda überspielt. Ist der Slogan deshalb wertlos?

Am heutigen Mittwoch weilte mit Jens Kassner einer der profiliertesten und scharfsinnigsten Beobachter des Chemnitzer Kulturlebens in der Stadt (er selbst ging lieber ins Exil nach Leipzig), um über den Slogan “Stadt der Moderne” zu referieren. Eine wirkliche Antwort auf die Frage Ist Chemnitz wirklich eine Stadt der Moderne? blieb er allerdings schuldig. Stattdessen versuchte er sich an der Frage, was “modern” im Allgemeinen und im Slogan eigentlich bedeutet und offenbarte damit bereits ein Kernproblem der Kampagne – ihre Verständlichkeit. Wann ist man denn als Stadt modern?

Liest man sich die Kommentare der Chemnitzer im Kubus auf dem Markt durch, so herrscht eigentlich ein großes Durcheinander:  Da gibt es Lobhudeleien auf die Innenstadtarchitektur, die technonologischen Errungenschaften, die Innovativität allgemein usw. Obwohl dies nicht einmal unbeabsichtigt zu sein scheint, muss Kassner, selbst Co-Autor des Slogans, letztlich eingestehen, dass Chemnitz seinem Anspruch, “modern” zu sein, nicht nachkommt. Sein Modernitätsbegriff ist zweischneidig: Einerseits in der Geschichte Großes auf technologischem und kulturellen Gebiet vollbracht zu haben (hier ist für ihn angefangen vom Lucretia-Portal des Rathauses bis zum neuesten Technologiepark am Campus erstmal alles “modern”), andererseits immer offen für Neues zu bleiben, Widerspruch zu dulden, zielorientiert und fortschrittlich zu arbeiten.  Genau hieran kranke es aber:  Chemnitz sei zwar technologisch innovativ, aber nicht gesellschaftlich und kulturell. Anstatt Freiräume für neue Ideen zu bieten, verharre die Stadt in einer retrospektiven Sehnsucht nach “Ordnung, Sauberkeit und Ruhe” und schrecke damit kreative Menschen ab (ExKa, Reba 84) . In Anspielung auf die Funktion der beiden Gehirnhälften (Ratio – Gefühl), mit der er die “2. Moderne” symbolisiert, kommt er nicht umhin zuzugeben, dass Chemnitz ein “Schlaganfallpatient” sei.

So weit so bekannt.

Wer aber ist nun für diese missliche Lage verantwortlich? Sicherlich mag es strukturelle Gründe geben (die Isoliertheit des Campus, die Insellage urbaner Zentren, die fehlende Revoluzzer-Tradition), aber auch Kassner gibt zu, dass das Projekt “Moderne” gezielt torpediert wird. Wenn die Verantwortlichen der GGG zugeben, keine “Connewitzer Verhältnisse” in der Stadt haben zu wollen (Kassner), wenn die Mittel für die Durchführung der Brühl-Begehungen gestrichen werden, wenn die Bedürfnisse der älteren Generation nach Ruhe und Ordnung mehr Gewicht besitzen als der Sturm und Drang der Jugend,  wenn stur nach “mechanischen Lösungen” (ein Diskutant) gearbeitet wird, wenn man erst handelt, und dann diskutiert (Stadtabriss, diese Kampage), dann erhärtet sich der Verdacht, dass man sich zwar im Rathaus gern mit dem Label “modern” schmückt, aber nicht zulassen will, dass dieser Begriff mit Inhalt gefüllt wird, der außerhalb des Rathauses ausgeheckt wird und womöglich Kritik seiner Politik heraufbeschwört.

All das erklärt, warum diese Kampagne so überheblich, aber zugleich auch kleingeistig und lächerlich wirkt. Aus dem Publikum kam zurecht die Kritik, dass die Leistungen von Chemnitz im Vergleich recht bescheiden ausfallen. “Moderne” Architektur steht in jeder Großstadt, ein Technologiepark auch, unsere Uni ist höchstens gehobener Durchschnitt, die grünen Maschendrahtzäune an früheren Häuserstandorten zeigen, dass wir den notwendigen Stadtumbau nicht in den Griff bekommen, große Persönlichkeiten gingen schon immer aus Chemnitz weg (Carl Schmitt-Rottluff, Michael Ballack, ja Kassner selbst!) und so weiter und so fort. Chemnitz als “Stadt der Moderne”, ja, als ihr Symbol? Sarkastisches Gelächter und Kopfschütteln waren im Vortrag nicht selten zu vernehmen und es gibt gute Gründe, die “Statt der Moderne”-Gegenkampagne glaubwürdiger zu finden als ihr Vorbild.

Wie aber weiter? Es geht hier ja nicht nur um einen x-beliebige Slogan, sondern um den Anspruch, den er vermittelt. An der Spitze zu stehen, Impulse auszusenden, lebendig und avantgardistisch zu sein. Umso beängstigender ist, dass vor allem Fatalismus und Sarkasmus die Debatte auszeichnen, will man sie denn überhaupt so nennen. Es mangelt an Diskussionskultur und das auch – so viel Selbstkritik muss sein – unter der Intelligenz. Wo sind denn die protestierenden Intellektuellen? Wenn denn alles so schief läuft, warum beklagt sich Kassner nur, sondern bricht die Regeln nicht (er hat mehrmals betont, dass dies den Fortschritt ausmacht) und ruft nicht mal zum Protest-Flashmob auf? Was machen eigentlich die vielen Chemnitzer Künstler? Warum überlässt man die Deutungshoheit über die Stadt einem ruhe- und ordungsbedürftigen Rentnerstadl? Einfach zu gehen kann doch wirklich keine Lösung sein.

Insgesamt ist der Slogan “Stadt der Moderne” aber dennoch eine gute Sache, denn er führt den Entscheidungsträgern tagtäglich vor Augen, was sie nicht sind, aber doch so gern sein wollen. Bei genauer Auslegung des Begriffs stärkt er die Kreativen und Innovativen, ist er eine Waffe gegen die Duldsamkeit. Nehmem wir das Rathaus beim Wort! Bis vielleicht die nächste – unverdächtigere – Slogansau durchs Dorf gejagt wird.

——————

In altbekannter Manier wird darüber natürlich auf Sachsen Fernsehen diskutiert.

 

1 comment 29. Oktober 2009

Ironie für Kenner (2)

Kann das wirklich noch Zufall sein? Der geneigte Leser kennt diese Stelle ja schon.

Clausstraße

Add comment 16. September 2009

Wo sind die Prostituierten?

Nein, nein, ich suche keinen schnellen Sex. Nicht solchen. Aber:

Bevor ich hier her gezogen bin, habe ich so allerlei Schauergeschichten vom Sonnenberg gehört. In jedem dritten Haus ein Bordell, Drogenhandel allerorten , “Krawall und Remmidemmi” (Jessika M.). Nun, nach knapp einem halben Jahr im “Hardore-Sonnenberg” Gießerstraße, dem angekündigten Zentrum allen Übels muss ich sagen: So ein Quatsch! Hier passiert gar nichts! Mein Auto hat noch nie so friedlich geparkt, ne Polizeisirene hab ich noch nie vernommen und das Lauteste, was nachts jemals zu hören war, war ein – durchaus spektakulärer – Frettchenkampf auf der Kreuzung. Ansonsten sagen sich hier Fuchs und Hase genauso gute Nacht wie überall sonst in Chemnitz. Die menschlichen Abgründe, auf die ich mich so gefreut habe (ich empfinde das durchaus bereichernd für das eigene Weltbild), finden höchstens in Statistiken statt. Im Straßenbild selbst sieht man Armut, ja, aber nur wenige Skurrilitäten. Nichts, was es nicht überall anders auch gibt. Mir war natürlich bewusst, dass dies hier nichts die Dresdner Neustadt oder Leipzig-Connewitz ist, dafür exisitiert einfach kein studentischer kreativer Nährboden, der an die Öffentlichkeit drängt. So etwas erwarte ich ja nicht einmal, aber muss es denn gleich so apathisch sein? Tragt Euer Leben nach draußen! Zeigt, dass dies keine Schlafstadt ist! Es gibt hier mindestens eine Person, die das alles interessiert und genau deswegen hier wohnt!

Ein klein wenig bin ich enttäuscht.

1 comment 2. September 2009

Neues vom Sonnenberg: Wahl+Partner

Nachdem ich mich schon lange gewundert hab, dass die beiden Baustellen von Wahl+Partner an der Markus- und an der Würzburger Straße schon seit Ewigkeiten brachliegen und sich nicht einmal jemand um die Baustoffe und -maschinen kümmert, hab ich heute mal gegoogelt: Die Firma ist insolvent und ihr Chef wegen Anlagebetrug (kann man das so sagen?, ich denke schon) vor Gericht. Die Datierungen deutet darauf hin, dass die Probleme nicht allein durch die aktuelle Krise im Bausektor ausgelöst wurden und auch 2007 stand Wahl bereits vor der Pleite.

Zur Erinnerung: Hartmut Wahl hatte seit einigen Jahren besonders auf dem Sonnenberg zahlreiche Altbauten saniert und fiel medial durch seine harsche Kritik an der Baupolitik der Stadt auf (die Rede ist vom “Holocaust”-Brandbrief an OB Ludwig). Ich hatte auch mal Gelegenheit, ihn anlässlich der Gründung des Chemnitzer Stadtforums selbst kennzulernen und zugegebenermaßen war mir das Ganze damals schon suspekt. Alle sprachen von Abriss, er von rentabler(!) Sanierung. Weshalb sollte eine Firma mit einer Politik Erfolg haben, von der andere sagen, dass sie völlig irreal sei? Ich hatte gehofft, dass er am Ende Recht behalten wird. Hat er nicht.

Keine gute Nachricht für Chemnitz.

Add comment 22. August 2009

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Chemnitz ist eine spannende Stadt. Eine Liebe auf den zweiten Blick. Streitbar, faszinierend und abstoßend zugleich, voller Schönheit und Hässlichkeit, manchmal etwas langweilig, aber immer liebenswert. Diesem Lebensgefühl will dieser Blog Ausdruck verleihen, völlig ideologiefrei, nur die Idiotie der menschlichen Existenz mit einer Prise Selbstironie offen legend.

Für den ganzen Mist hier verantwortlich und für Beschimpfungen und Anregungen stets aufgeschlossen:

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