Das Ende der Geschichte Oder Utopia Europa

20. August 2008

Vor kurzem habe ich darüber geschrieben, warum meine Wohngegend so langweilig und merkwürdig unlebendig ist. Ein Blick in die Zeitungen genügt um zu erkennen, dass es mit diesem Land auch nicht viel besser bestellt ist. Frau Schavan bestellt sich für 26000 Euro einen Hubschrauber, um von Stuttgart nach Zürich zu fliegen. Aha. Herr Beck ist auf seiner Sommerreise in Chemnitz gelandet (ob man ihm auch den schon wieder baufälligen „Überflieger“ gezeigt hat?). Cool. Herr Schröder findet Russland eigentlich ganz okay. Sagenhaft. Sommerlochthemen? Weit gefehlt, denn was war denn in den letzten Monaten, ja sogar Jahren los? Die Arbeitslosen bekommen weniger Geld. Die Wirtschaft floriert halbwegs. Die SPD versinkt allmählich in der Bedeutungslosigkeit und es gibt eine neue erntzunehmende Partei. Studenten finden, dass Studiengebühren doof sind und anderskulturelle Menschen wollen sich nicht einfach so eindeutschen lassen. Un-be-liev-able. Es gab Epochen, in denen sind in dieser Zeit ganze (Möchtegern-)Weltreiche entstanden und gleich wieder untergegangen.

 

Man muss schon eine gewisse Liebe für’s Detail besitzen, um hier noch politisch interessiert zu sein. Ich studiere Politikwissenschaft und bin’s nicht. Das hat etwas mit Resignation zu tun, wobei ich mich eigentlich gar nicht machtlos fühle: Ich könnte jederzeit in eine Partei oder Vereinigung eintreten und bin mir sicher, den meisten intellektuell überlegen zu sein. Vielmehr will ich es nicht. Okay, Faulheit und das ständige Gefühl, etwas Wichtigeres zu tun zu haben (mein ICQ blinkt gerade!) sind zwei Gründe, aber eigentlich würde ich gern etwas tun. Nur weiß ich überhaupt nicht was. Ich mag nicht über irgendwelche bescheuerten Verordnungen oder 10 Cent Mehr- oder Wenigerausgaben diskutieren. Meine Beobachtung: Mehr aber bietet Politik in einem demokratisch verfassten Staat heute nicht mehr, wenn man nicht in einem Land lebt, das überall auf der Welt irgendwelche kuriosen Kriege führt.

 

Das hat nichts mit fehlenden Charakterköpfen zu tun (auch Herr Obama wird noch zum Langweiler mutieren, wenn er nicht auch kuriose Kriege führt), sondern damit, dass es – Vorsicht: provokante These! – überhaupt nichts mehr zu tun gibt. Wir leben in einer realexistierenden Utopie!

 

Doch Halt! Ist dies nicht eine konfliktreiche Zeit? Zwischen Arbeit und Kapital? Zwischen „denen da oben“ und „uns hier unten“? Zwischen diesen verrückten Terroristen und „dem“ Westen? Zwischen China, Russland und den USA? Und irgendwo dazwischen Europa? Und was ist mit dem Weltklima und dem Erdöl? Sicher, alles Probleme, die vielen Menschen große Sorgen bereiten. Nur Sorgen weshalb? Doch nur deshalb, weil sie Verlustängste verspüren! Es geht seit vielen Jahren bereits nicht mehr um die Erschaffung irgendetwas Neuen, sondern nur noch um die Verteidigung des Status Quo. Studiengebühren, ALG II, US-amerikanische Hegemonie, Linkspartei, Energiesicherheit, ja selbst Becks Besuch in Chemnitz: Alles ein ängstliches Festklammern am Ast, der so langsam abgesägt wird.

 

Ich etwa kann nirgends einen Linksruck im geistig-politischen Klima verspüren. Die Linkspartei, deren Ahnen noch für etwas gekämpft haben, streiten nur noch gegen alles und jeden: Gegen Hartz IV, gegen den Afghanistaneinsatz, gegen Studiengebühren und so weiter und so fort… Ihre Alternative besteht einzig in der Rückkehr zu den alten Systemen. Für mich ist dies Konservatismus in Reinkultur. Nichts, was mich zur Mitarbeit bewegen könnte.    

 

Ich glaube, dass die geistige Armut dieses Landes damit zu tun hat, dass alles, wofür in der Geschichte jemals gestritten, gekämpft und gestorben worden war (in einem „progressiven“, durchaus deterministischen Sinn, da komm’ ich nicht drum herum), verwirklicht worden ist! Gleichberechtigung, die Freiheit, das zu tun, was man will, Wohlstand für alle, Frieden, Gesundheit, Gerechtigkeit, kurzum, all das, wonach sich utopische „Träumer“ und „Spinner“ seit Jahr und Tag sehnten, hat sich eingestellt. Klar, es gibt Probleme, viele Probleme, aber im Rahmen der Europäischen Union ist es verwirklicht, weil es einklagbar ist! Woran es nur mangelt, ist das „Feintuning“. Nicht mehr. Wofür also noch kämpfen?  Alle Alternativen haben abgewirtschaftet (insofern hat Fukuyama schon Recht), eine wenn schon nicht legitime, dann doch wenigstens machtvolle Antithese zur parlamentarischen Demokratie gibt es nicht mehr (wenn sich die europäischen Völker einmal für das russische, chinesische oder venezuelanische Modell begeistern lassen sollten, fress’ ich nen Besen!).

Ohnehin hätten sie keine Chance. Es bräuchte keine Stunde, und irgendein Realutopist würde auf Spiegel Online „Extremist!“ schreien, „Aufregung um…“ und „Eklat im…“ inklusive. Das Denken in Alternativen passt nicht zur Utopie, genauso wenig wie das Politische an sich, sind doch alle gesellschaftlichen Konflikte gelöst, die Harmonie hergestellt. Und genau vor dieser Situation stehen wir heute: Wenn es noch Streit gibt, sind es Verteilungsprobleme, keine „großen“ und damit zumeist auch gesellschaftlichen Fortschritt bringende Konflikte.    

 

Ich glaube, mit dieser These lässt sich ganz gut die Apathie erklären, die den ganzen politischen Apparat und das Wahlvolk erfasst hat. Der Status Quo ist zwar vielleicht das Beste, was dieses Land jemals erfahren hat, aber eben auch verdammt unsexy und langweilig. Warum vereinigt sich und kämpft denn das „verarmte“ und „entrechtete“ Präkariat nicht? Weil es nicht weiß wofür! 100 Euro mehr im Monat reichen vielleicht für das Zustandekommen einer „Montagsdemo“, nicht aber für die Organisation einer Bewegung. Es fehlt an Träumen, Visionen, an etwas, wofür es sich zu leiden lohnt. Ich glaube, vielen Menschen – und vor allem mir! – geht es so wie Rousseaus „Julie“:

 

“Überall sehe ich nichts als Ursachen, zufrieden zu sein, und bin doch nicht zufrieden. Ein geheimer Überdruss dringt in das Innere meines Herzens; ich fühle, dass es leer und aufgerieben ist. [...] Es behält eine unnütze Kraft übrig, mit der ich nichts anzufangen weiß. [...] Ich bin zu glücklich, mein Freund; es langweilt mich.“

 

Wie man diese „unnütze Kraft“ nutzen könnte, kann ich nur anreißen. Bisher sind alle greifbaren Alternativen nur Rückschritte. Ich mag weder Marx, Che und Chavez, noch Neonazis, Putin, die „Kommunisten“ aus China und die religiösen Freaks aus aller Welt. Wenn es tatsächlich noch etwas gibt, das fehlt, dann ist es mehr direkte Bürgerbeteiligung und – irgendwann einmal – der Wegfall der Parteien. Klingt spinnerhaft, unrealistisch und „gefährlich“, aber wenn die großen Themen abgearbeitet sind und nur das tägliche Klein-Klein übrig bleibt, dann muss es so aufregend gestaltet werden, dass die Menschen daran teilhaben wollen. Und deshalb darf man das nicht Experten und Berufspolitikern überlassen, sondern sollte die Menschen mitreden und -entscheiden lassen. Klar, effizient ist das nicht, aber es wurde auch mal behauptet, dass die parlamentarische Demokratie wenig effizient sei. Durchgesetzt hat sie sich trotzdem. Auch wurde immer wieder gesagt, dass Menschen Demokratie nicht könnten und eines Führers bedürften, aber sie haben sich doch immer als lernfähig erwiesen, wenn man sie denn nur gelassen hat. Klar, dies wird anfänglich zu Fehlentscheidungen führen, zu furchtbarem Populismus, aber auch dies wird sich legen. Und wenn sich die Menschen irgendwann nur noch mit sich selbst beschäftigen, wird eine furchtbare Einrichtung namens „Staatsräson“ vielleicht irgendwann auch einmal hinfällig… Und mit ihr der Staat?

 

Träumen wird doch wohl erlaubt sein!

 

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Chemnitz ist eine spannende Stadt. Eine Liebe auf den zweiten Blick. Streitbar, faszinierend und abstoßend zugleich, voller Schönheit und Hässlichkeit, manchmal etwas langweilig, aber immer liebenswert. Diesem Lebensgefühl will dieser Blog Ausdruck verleihen, völlig ideologiefrei, nur die Idiotie der menschlichen Existenz mit einer Prise Selbstironie offen legend.

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