Posts filed under 'Städtebau'
Ironie für Kenner (2)
Kann das wirklich noch Zufall sein? Der geneigte Leser kennt diese Stelle ja schon.

Add comment 16. September 2009
Neues vom Sonnenberg: Wahl+Partner
Nachdem ich mich schon lange gewundert hab, dass die beiden Baustellen von Wahl+Partner an der Markus- und an der Würzburger Straße schon seit Ewigkeiten brachliegen und sich nicht einmal jemand um die Baustoffe und -maschinen kümmert, hab ich heute mal gegoogelt: Die Firma ist insolvent und ihr Chef wegen Anlagebetrug (kann man das so sagen?, ich denke schon) vor Gericht. Die Datierungen deutet darauf hin, dass die Probleme nicht allein durch die aktuelle Krise im Bausektor ausgelöst wurden und auch 2007 stand Wahl bereits vor der Pleite.
Zur Erinnerung: Hartmut Wahl hatte seit einigen Jahren besonders auf dem Sonnenberg zahlreiche Altbauten saniert und fiel medial durch seine harsche Kritik an der Baupolitik der Stadt auf (die Rede ist vom „Holocaust“-Brandbrief an OB Ludwig). Ich hatte auch mal Gelegenheit, ihn anlässlich der Gründung des Chemnitzer Stadtforums selbst kennzulernen und zugegebenermaßen war mir das Ganze damals schon suspekt. Alle sprachen von Abriss, er von rentabler(!) Sanierung. Weshalb sollte eine Firma mit einer Politik Erfolg haben, von der andere sagen, dass sie völlig irreal sei? Ich hatte gehofft, dass er am Ende Recht behalten wird. Hat er nicht.
Keine gute Nachricht für Chemnitz.
Add comment 22. August 2009
Einige Beobachtungen zu: Berlin
Ich war die Tage in Berlin, um im Bundesarchiv für meine Dissertation zu forschen. Nebenbei ist mir da Einiges ins Auge gesprungen:
Anhalter Bahnhof: Die Reste der Fassade stehen lassen und auf dem ehemaligen Gleisbett Sportplätze anlegen? Spektakulär! Diesen Schneid muss man erst mal haben.
Plattenbauten: Gab’s – zu meiner Überraschung – doch auch recht häufig im Westen. Galt das unter kapitalistischen Bedingungen nicht als ziemlich aufwendig? Muss man das also als gestalterische Extravaganz sehen? Ein Hoch auf die Postmoderne!
Sozialdemokraten: In jede Bau-(Kriegs-)lücke eines Villenviertels Blöcke mit Sozialwohnungen reindrücken? Das haben nicht mal die „drüben“ gemacht.
Postmoderne: Zuckersüß, diese Friedrichstraße. Ist das nun eine kritische Aneignung historischer Bauformen, so eine Art NatiTradi-Reloaded oder doch bloß Kitsch? Ich bin mir unsicher. Für Platten mir Dekor bekommen die zuständigen Architekten aber ein Bienchen ins Muttiheft.
Schwanzvergleicharchitektur: Ein wohl nicht geführtes Streitgespräch zwischen Hermann Henselmann, Chefplaner der Ostberliner Stalinallee, und Otto Bartning, Verantwortlicher für das Hansa-Viertel am Tiergarten: „Ich sag Dir Otto, wir können unsere Städte steriler, langweiliger und lebloser aufbauen als Ihr!“ „Ha! Ihr werdet Euch noch wundern! Dies gesamte Architekturelite der Welt schafft das viel eindrucksvoller!“. Vorschlag zur Güte: Ihr habt beide Euer Bestes getan! Unentschieden. Aber beide werden um Längen geschlagen vom…
Potsdamer Platz: So ein Blödsinn. Mal abgesehen vom interessanten Sony-Center sterile Büroarchitektur gepaart mit postmodernen und konstruktivistischen Spielereien (dieses Mercedes-Benz-Zentrum! Oje!). Wann hat die Welt ein Einsehen, dass man ganze Städte nicht am Zeichentisch planen kann?
Döner: Auch nicht besser als in Chemnitz. Dafür viel teurer.
Union-Fans: Coole Typen. Scheiß Dynamo!
Add comment 22. August 2009
Über Karl Marx und anderen Unsinn
Neulich hatte ich ein nettes Gespräch mit einem Kommilitonen (der zugleich für die Texte der bezaubernden L.E.G.O. Sputnik verantwortlich zeichnet) und da ist mir wieder eingefallen, dass ich schon lange mal was über das Marxmonument und sein bauliches Umfeld loswerden wollte. Es ging nämlich um seine kommende Magisterarbeit, in der er sich mit sozialistischem Städtebau und kommunaler Identiät auseinandersetzen will. Spannendes Projekt, gerade am Beispiel Chemnitz. Was haben uns die baulichen Zeugnisse der DDR heute noch zu sagen? Wie gehen wir heute damit um? Ich komme da zu einer eher pessimistischen Einschätzung…
Eins vorweg: Jedes Gebäude ist in irgendeiner Form codiert, transportiert eine Idee, den Anspruch der Bauherren. Gerade politische Bauten sind hochgradig symbolbehaftet. Nicht umsonst baut man Parlamente aus Glas und Stahl, zeugen diese Materialien doch von Transparenz und der Verbundenheit von Volk und Vertretern. Oder man vergleiche den Kanzlerbungalow in Bonn mit dem Kanzleramt in Berlin: Besser kann man die veränderte Rolle Deutschlands in der Welt kaum beschreiben.
Zurück zu Chemnitz. Wir haben es hier mit einem Ensemble zu tun, das in seinem Auftreten stark politisiert, ja geradezu religiös aufgeladen ist. Da ist Marx, da ist die Parteizentrale im Hintergrund, da ist die Magistrale Brückenstraße: Es fehlen nur die Ehrentribüne und die demonstrierenden Massen mit Winkelementen, und es wäre wie früher. Nun, man kann dies als Skurrilität an Touristen verkaufen – wie es im Moment getan wird – mehr meines Erachtens aber auch nicht. Davon zeugt die tagtäglich zu beobachtende Trostlosigkeit rund um Marx. Wozu sollte man dort hingehen? Es zieht, es ist laut, es gibt dort rein gar nichts zu tun. Von Aneignung kann überhaupt keine Rede sein. Nicht umsonst hat die Neuere Sächsische Galerie den Kopf letztes Jahr verhüllt: Sie wollte ihn zurück ins öffentliche Bewusstsein bringen. Was macht man nun also mit dem Ding? Als ich vor ein paar Wochen mal nachgefragt habe, erntete ich nur ratloses Achselzucken. „Tja, es ist halt da.“, sollte das wohl heißen. Ist aber auch wirklich ne klifflige Frage. Als Mahnmahl gegen den Sozialismus kann es kaum taugen, dafür ist er nicht genug geächtet. Als positives Identifikationsmoment aber auch nicht: Was haben wir heute schon noch mit Marx zu tun? Angesichts der Shoppingmall-Zentrumskonzeption des aktuellen Rathauses ist Marx und der gesamte Platz ein ideeler Fremdkörper.
Die politische Symbolik des Platzes ist nur ein Hindernis. Das zweite ist die wie kaum an einer anderen Stelle verkörperte Arroganz der Moderne. Dieser Platz fügt sich nirgendwohin ein, er wurde dem überkommenen Stadtgrundriss gewaltsam übergestülpt. Ganze Straßenzüge wurden für ihn beseitigt und statt Tore zu den angrenzenden Stadtvierteln zu öffnen, hat man Mauern errichtet. Mauern gegen die verhasste Bürgerlichkeit am Brühl, an der Hartmannstraße, am Opernplatz, am Markt. Dies wirkt heute, da man die einst völlig ausgelöschte Altstadt versucht wiederzubeleben, umso stärker nach. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass das Brühlviertel so verödet ist, denn der Anschluss an die Innenstadt fehlt, zu ihr existiert kein direkter Weg mehr. Geht man den Brühl in Richtung Stadtzentrum, so steht man irgendwann mal im Hinterhof des Verwaltungsgebäudes entlang der Brückenstraße. Geht man vom Zentrum Richtung Brühl, steht man irgendwann an einer unwirtlichen Straßenkreuzung und mag schnell wieder umkehren. Dieser Platz, einst als neues Zentrum der Stadt entworfen, ist heute nur noch ein Hindernis, ein baulicher Fremdkörper in einer völlig gewandelten Aufassung von Stadt und Urbanität, eine Mauer zwischen zwei Liebenden – dem Zentrum und dem Brühl, die sich doch haben können. Dieser Schaden ist irreparabel, denn moderne Architetur in ihrer solitären Erscheinung ist schlicht nicht anpassungsfähig. Man kann nicht einfach mal ein Stück herausbrechen oder etwas anfügen. Es ist da: Ganz oder gar nicht.
Der Denkmalschutz sagt „Ganz“, ich sage „Gar nicht“. Dieses Monster hinter Marx muss weg. Anders kann meiner bescheidenen Meinung nach die Altstadt nicht aus ihrer Insellage und den Brühl nicht aus seiner Abgeschiedenheit befreien. Das Monument kann ja als Skurrilität stehen bleiben, aber es muss sich in den Stadtorganismus einfügen. Es muss damit Schluss gemacht werden, dass dieser Platz als Flächendenkmal betrachtet wird. Freilich ist er es mit seiner Marxbezogenheit, aber – mit Lenin gesprochen – wem nützt das? Identität vor Denkmalschutz! Dass das Ensemble hier nichts zu leisten im Stande ist, sieht man am großen Leerstand der Ladenlokale und der Apathie, mit der die Chemnitzer diesem Areal begegnen. Deshalb: Wiederherstellung des alten Stadtgrundrisses, die die Kluft zwischen Zentrum und Vorstadt beseitigt.
Mir ist bewusst, dass da ein riesiger Rattenschwanz dran hängt: Dem Abriss müsste auch eine Verengung der Brückenstraße folgen, dazu die Beseitigung der Appartmenthäuser entlang der Mühlenstraße (man stelle sich vor: Vorortsiedlungsatmosphäre mit Stell- und Wäscheplätzen keine 100 Meter von der Oper entfernt! In Chemnitz Realität!). Anschließend müsste das gesamte Areal auch wieder neu bebaut werden. Im Moment ist dies freilich nicht möglich, aber ich denke, dass es falsch ist, sich mit dieser unerträglichen Situation abzufinden.
Add comment 14. Juli 2009
Ode an den Sonnenberg
Seit vorgestern wohne ich nun auf dem Sonnenberg, Gießerstraße Ecke Markusstraße. Auf der einen Seite mit Blick auf die Josephskirche samt angrenzender Schule, auf der anderen auf die komplette Gießerstraße- und Markusstraße. Bösewichte aufgepasst: Ich rauche am Eckfenster und kann das halbe Viertel überblicken!
Was hab ich mir nicht bei der Wohnungssuche alles anhören müssen und wie viele hochgezogene Augenbrauen haben an meiner Motivation gekratzt! Los ging das schon bei den Gesprächen mit den Vermietern. Ob das denn mein Ernst sei, freiwillig hierher zu ziehen. Die Frage kam für gewöhnlich direkt nach dem Verneinen von: „Kriegen Sie Hartz IV?“ Ein Freund meinte gar, dass ich mich einfach am beschissensten von allen Bewohnern benehmen sollte, um nicht aufzufallen. Und dann hab ich meine Geschichte erzählt, die außer einer einzigen Frau bisher niemand so richtig verstanden hat (es wäre wieder mal glatt ein Grund, mich in Dich zu verlieben, Iva. Aber das lassen wir lieber).
Die Kurzfassung: Der Sonnberg ist einfach nicht die glattgeleckte Scheiße wie der Kassberg oder meine alte Wohngegend.
Die metaphorisch, emotional und wissenschaftlich gepimpte Langfassung: Der Sonnenberg ist die Definition von un-perfekt. Ich hab diese Kategorie des Perfektionismus in meiner Magisterarbeit zum „sozialistischen“ Chemnitzer Stadtzentrum eingeführt (kommt bald raus! Wer DDR-Architektur interessant findet: Lesen!), sie lässt sich aber auch ideologisch verallgemeinern: De facto alle Städte des 20. und 21. Jahrhunderts wurden und werden so geplant, dass sie einer bestimmten Leitidee dienen sollen. Sei es im Sozialismus die imaginäre, „fertige“ Menschengemeinschaft oder im Kapitalismus die Konsumgesellschaft, die mit vollem Portemonnaie und leeren Händen in die Zentren zieht, um mit leerem Portemonnaie und vollen Plastiktüten in ihre eigens geschaffenen Schlafstädte zurückzukehren. Man follows function. Soziale Kontrolle allerorten. Solange es Stadtplaner gibt, wird CIAM nie sterben.
Noch aber machen sie aber um den Sonnenberg einen großen Bogen. Problemviertel, heißt es im Rathaus. Von weiterem Auflockern spricht man, von „bunten Gärten“, von Familienfreundlichkeit und Sportmöglichkeiten. Diese Idioten! Allesamt (verklagt mich! Dann kann ich’s Euch wenigstens noch mal ins Gesicht sagen!). Denn was liegt den ganzen Überlegungen zu Grunde? Ein Ideal. Das Kassberg-Ideal eines ruhigen, grünen, wohlhabenden, gut-bürgerlichen Viertels mit Vegetarierrestaurants, Cocktailbars und Hundetoiletten. Leb- und trostlos. Die hier tatsächlich existierenden Menschen haben darin keinen Platz.
Sonnenberg heißt Leben. In all seinen Facetten, die das Bürgertum in seiner ganzen Biederkeit gern in Statistiken abtut und ausgemerzt sehen will; Außenseiter. Vom Punk, über den Alkoholiker, bis hin zum Neonazi. Sonnenberg heißt Echtheit. Keine Attitüden. Hier hat fast jeder ne Kippe im Mund, ganz als ob es 30 Jahre Anti-Tabak-Propaganda nicht gegeben hätte. Mit abgewetzten Jogginghosen und ner Flasche Bier auf die Straße? Who cares!? Die Fußwege sind gesäumt von Hundekot, aus den glücklicherweise noch zahlreichen Abrisshäusern wachsen Bäume. Sie sprengen den Putz, der bei renovierten Häusern dem Betrachter Schönheit vorgaukelt.
Leben in Freiheit. Der Sonnenberg ist weder hipp, noch innovativ (wahrscheinlich. Vielleicht lasse ich mich noch eines besseren belehren) oder aufstrebend. Nicht mal „arm, aber sexy“. Hier sieht man nichts wachsen, dafür aber viel sterben. Ob Straßenzüge, Menschen auf Selbstzerstörungstrip oder der Musikgeschmack der Schulkinder: Comfortably Numb hat es Roger Waters genannt. Aber ein Problemviertel? Okay, problematisch für die Krankenkassen, die Statistiken und die Touristenführer, aber eine Zone der Freiheit für die Bewohner. Hier gibt es definitiv weniger soziale Kontrolle als in anderen Vierteln. Arg zart besaitete Menschen haben damit wahrscheinlich ein Problem, gerade, wenn einige über die Stränge schlagen. Für diejenigen, die auch Alkoholiker-, Drogen und Arbeitslosenkarrieren als lebenswert und bereichernd für das eigene Welt- und Menschenbild betrachten, können sich hier jedoch zu Hause fühlen und sich den Raum selbst aneignen, anstatt eine vorbestimmte Funktion zu erfüllen. Aber davon haben Stadtplaner ja keine Ahnung.
Zugegeben, dies alles ist nur ein erster Eindruck. Dass zum zweiten Mal in einer Woche in die Keller meines Hauses eingebrochen wurde und ein Teil meiner Ikea-Möbel aus unerfindlichen Gründen weg ist (ich hatte es einen Nachmittag im Treppenhaus stehen, vielleicht macht aber auch Ikea Fehler), geht mir ein bisschen auf den Sack. Aber nur ein bisschen. Es bleibt zunächst die Hoffnung, dass ich hier glücklich werde. Zumindest hab ich hier schon 10 Mal mehr Menschen kennen gelernt als in meiner alten Gegend. Da waren es 2.
1 comment 23. März 2009
Na und?
Vor ungefähr anderthalb Jahren war ich zum Praktikum in Dresden und während dieser 6 Wochen schlief ich bei einer Freundin. Ich als Architekturfan war natürlich vom Neumarkt fasziniert und ich fragte sie, was sie denn davon halte. Ganz okay, meinte sie und verstand nicht ganz, was ich denn wollte. Ob sie es nicht komisch finde, hinter den Barockkulissen Betonbauten zu wissen, fragte ich sie weiter. Ihr „Na und?“ erstaunte und erzürnte mich, zeugte es für mich doch von Ignoranz und Desinteresse. Ich hatte aber auch keine richtige Antwort parat („Disneyland“, „Form-Inhalt-Entsprechung“) und brach das Gespräch enttäuscht ab. Heute hab ich gelernt, dass es die intelligenteste Bemerkung zur aktuellen Architekturdiskussion war, die ich bisher gehört habe:
Thomas Filip gibt auf tour-dresden.de die unfreiwillige Erklärung. Er hat aktuelle Bilder vom Dresdner Neumarkt digital altern lassen, um sich der Illusion des alten Dresdens hingeben zu können, das er aus Bildbänden kennt (er gehört wohl auch zu den vielen Architekturkritikern, die sich nicht so recht mit den Erkern und Türmchen made in 21st century anfreunden können). Und das macht er ganz gut: Die bearbeiteten Bilder sehen tatsächlich „alt“ aus und ja, sie sind eine Illusion. Nun, heißt das dann nicht, dass die Welt, die wir in Büchern á la „… wie es einmal war“ eine Illusion sind? Ein Mythos? Eine altertümliche Scheinwelt, aufbereitet auf Hochglanzpapier? Dass wir getäuscht werden von einen Zerr- und Idealbild, in dem Elend, furchtbarste Wohnbedingungen, dreckige und immerdunkle Hinterhöfe nicht existieren? Es kommt doch nicht von ungefähr, dass nach der Zerstörung der deutschen Städte niemandem in den Sinn kam, sie originalgetreu wieder aufzubauen. Dabei waren die Wettbewerbe durchaus offen und fernab von ökonomischen Zwängen, aber es wollte schlichtweg keiner (selbst das vielgerühmte Freudenstadt ist keine Kopie, sondern „kritisch“ restauriert). Wenn sich Herr Filip wünscht, einmal in das barocke Dresden zu reisen und sich manch Leser dieser obskuren Bildbände sich sagt, wie schöööön das doch früher alles war, dann kann er das nur, weil er sich nach diesem Gedanken wieder an seiner wie von Zauberhand erwärmten Wohnung und all den anderen Annehmlichkeiten des modernen Alltags erfreuen kann. Natürlich sind die Neumarktbauten, das Berliner Stadtschloss usw. Kopien von Fassaden, hinter denen Beton steckt. Na und? Was ist etwa am Brandenburger Tor noch original? Wer weiß schon, welche Chemikalien da im Sandstein stecken? Ist das nicht auch nur eine Illusion von Authentizität? Okay, weder Reichstag noch Brandenburger Tor müssen mit dem Makel leben, schon einmal „weg“ gewesen zu sein, aber ist die Denkmalschutz-Ideologie tatsächlich ein objektiv nachvollziehbarer Grund, die Gebäude nicht wieder entstehen zu lassen? Legen wir uns damit nicht eine geistige Zwangsjacke an? Niemand fordert ja, alles wieder historisch zu bauen (mein Lieblingsbeispiel Prag zeigt, dass das auch ziemlich langweilig ist), aber historische Formen sollen legitim sein: Eben weil mit Ausnahme von Besserwisser-Architekturkritikern kein Mensch nach ein paar Jahren überhaupt noch sagen kann, was „echt“ und was „Kopie“ ist, sondern sich einfach darin wohlfühlen, anstatt über Sinn und Zweck der Architektur nachzudenken. Natürlich ist das dann keine „Geschichte“ mehr, sondern gegenwärtigste Gegenwart (und dies soll man dann bitte auch so sagen!), aber geht es nicht eigentlich nur darum, lebens- und liebenswerte Räume zu schaffen (auch Altes kann inspirieren!) Und sind nicht innen moderne und außen historisierende Gebäude die Aufhebung derjenigen Widersprüche, die den Träumer von der guten, alten Zeit in seiner schönen, funktionalen Wohnung umgeben?
Ihr meint, das hier wäre eine kleinbürgerliche Argumentation? Na und?
Add comment 9. Dezember 2008
Ein Abschiedsbrief an meine Wohnung Oder Über den Wert der Anonymität
Ich wohne jetzt seit zwei Jahren in der Genossenschaftsiedlung entlang der Platnerstraße, direkt über dem Platner Hof. Man könnte sich eigentlich nicht beschweren: Viel Grün um sich herum, Parkplätze en masse, kaum Lärm, Sonne den ganzen Tag, ein kleines Gärtchen, gute Einkaufsmöglichkeiten, gutbürgerliche und angenehme Nachbarn, eine okaye Miete, fantastische Verkehrsanbindungen… Ich aber will hier nur weg!
Die Genossenschaftsbewegung des ausgehenden neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts verstand sich als Gegenentwurf zur Mietskaserne und ihrer Kultur des atomisierten Menschen, der eingepfercht, entfremdet und sinnlos einer Maschine gleich sein trostloses Dasein fristet. Dieser Mythos, den „lebendigen Menschen“ (Hendryk de Man) des Industriezeitalters nur als hilfloses Wesen seiner ökonomischen und gesellschaftlichen Umwelt zu begreifen, wurde zwar bereits von Zeitgenossen entzaubert (etwa von Paul Göhre, der sich als Theologe für ein paar Monate als Fabrikarbeiter verdingte und seine Erlebnisse in einem grandiosen Büchlein festhielt), war aber für die philanthropische Befreiungsideologie der sozialen Bewegungen zu bedeutend, als dass ihr die soziale Realität etwas anhaben konnte. Und so setzte die genossenschaftlich denkende Avantgarde der verteufelten gesellschaftlichen und städtebaulichen Gegenwart die Utopie (womit ich nicht meine: träumerisch oder unrealistisch, aber bitte lesen Sie doch weiter!) einer wohlgeordneten Gemeinschaft entgegen, in der das Gemeinwohl über den Eigennutz steht, Brüderlichkeit regiert und das Leben in einen schönen, einfachen Plan eingebettet ist.
Tatsächlich war dieser Sozialismus ohne Klassenkampf anfangs ein Erfolgsmodell. Auf den Wäscheplätzen trafen sich die Frauen zum Plausch, die Männer versammelten sich in der Genossenschaftskneipe zum Skat und manchmal auch zur proletarischen Weiterbildung und teilweise (Hellerau!) wurde sogar gemeinsam produziert und verkauft. Die gesamte gebaute Umwelt sollte ein Begegnungsraum sein, ohne Mauern und Zäune. Man kann, muss aber diese heimelige Welt nicht als zwangsbeglückenden „Sonnenstaat“ betrachten, doch schuf der ordnende Verstand der Genossenschaftsleitungen eine abgeschlossene Welt in großer Distanz zur Gesellschaft, dem Staat und seinem Wirtschaftssystem. Vor allem aber: zum Rest der Stadt. Die Siedlungen verstanden sich als autarke Organismen mit einer eigenen Infrastruktur und einer großen ideellen und sozialen Homogenität.
Nun blicke ich mich in meiner Siedlung um und siehe da: Nichts davon hat die Jahrzehnte überdauert, der Anspruch hielt der Realität nicht stand. Sobald die Aufbaugeneration von den gewöhnlichen Mietern abgelöst wird, ist es mit dem Idealismus dahin. Prinzipiell kann das System aber auch dann noch funktionieren. Etwa wenn es sich um eine Notgemeinschaft handelt, d.h. wenn öffentliche Güter so knapp sind, dass die Gemeinschaft den Einzelnen tragen muss und der Einzelne ein Interesse daran hat, sich selbst in ihren Dienst zu stellen, um im Notfall selbst von ihr zu profitieren. Nun sind diese Zeiten der Selbsthilfe vorerst vorbei: ein Supermarkt schlägt die Preise eines Konsumvereins locker und selbst Arme und Kranke werden von der Gesellschaft versorgt und bedürfen keiner sich selbst organisierten Gemeinschaft mehr (naja, vielleicht wird das eines Tages wieder notwendig…). Technische Neuerungen haben den Lebensmittelpunkt für die Menschen außerhalb der Siedlung verlagert. Niemand muss mehr hinausgehen, um Neuigkeiten und Gerüchte zu verbreiten und zu erfahren, Internet und Auto ermöglichen soziale Netzwerke außerhalb der Siedlung. Sie ist letztlich zu einer Schlafstadt verkommen mit den scheinbar selben zwischenmenschlichen Beziehungen wie in jeder anderen Wohngegend. Übrig blieb nur das allgemeine Bedürfnis nach Stille, die nur hin und wieder von einer Feier im Genossenschaftstreff aufgebrochen wird – natürlich wohlorganisiert mit Alleinunterhalter für den stimmungsvollen Rahmen.
Faktisch sind die Menschen also gegenüber anderen Genossenschaftlern erneut atomisiert – in Form der teilweise noch existierenden Hausgemeinschaften allenfalls „molekularisiert“ –, doch etwas unterscheidet meine Genossenschaftssiedlung von … sagen wir, dem Sonnenberg (ein ziemlich „heruntergekommenes“ (es war ja nie wirklich herausgeputzt) Gründerzeitviertel). Es ist das Gefühl, das Recht zu besitzen, übereinander als Gemeinschaftsmitglieder bestimmen zu können, d.h. obwohl eigentlich anonym doch vom selben Schlag Mensch zu sein, und sich qua Genossenschaftsanteil als Eigentümer „seiner“ gebauten Umwelt zu fühlen (der Schachtelsatz soll zeigen, dass es sich um ein sehr diffuses Gefühl handelt!).
Ich behaupte nun, dass dieser kümmerliche Rest der Genossenschaftsideologie verantwortlich ist für das überwältigende Gefühl von Langeweile und abgetöteter Lebendigkeit, das mich in dieser Gegend zunehmend überkommt.
Eines der wichtigsten baulichen Merkmale des genossenschaftlichen Siedlungsbaus sind die engen Durchgänge oder gar Torbögen in die Innenhöfe der wagenburgähnlichen Hauseinheiten. Sie ziehen eine klare Grenze zwischen den angrenzenden Stadtteilen und sogar zwischen den Häuserblocks ein und derselben Siedlung selbst. Vor allem ziehen sie jedoch eine Grenze zwischen denen, die hier wohnen und den Fremden, die sich hierher verirren. Obwohl es kein Gesetz gibt, dass dies verbietet, überschreitet man sie als Fremder nicht einfach. Das Ich-gehöre-nicht-dazu-und-hier-nicht-hin-Gefühl muss schon mit einem klaren Auftrag betäubt werden, etwa wenn man jemanden besuchen will. Und selbst dann führt der schnellste Weg zur Klingel und von da auch wieder schnell zurück in die Außenwelt. Nur nicht stehen bleiben und auch keine unnötigen Blicke verschwenden, möchte man einem in die Psychologie des Genossenschaftswohnens nicht Eingeweihten raten! Die Folge wären nämlich missmutige Blicke aus Fenstern oder raschelnde Gardinen, hinter denen sich die Anwohner stillschweigend die selbe Frage stellen: Wer ist das und was zum Teufel macht der hier?
Ein Beispiel: Man kann sich vorstellen, dass es in einer Stadt mit 15% Arbeitslosenquote viele Menschen gibt, die nichts Besseres zu tun haben, als den ganzen Tag zu trinken. Im Sommer auch gern öffentlich. Man muss diese Grüppchen nicht mögen, ja, man darf sie ob ihres eindimensionalen Tagesprogramms und ihres Hangs zur Selbstaufgabe sogar verachten, doch haben sie ihre Berechtigung. Jeder darf schließlich seinen Lebensentwurf verfolgen wie er will, solange er nicht die Freiheit des Anderen einschränkt. Nun ist es bemerkenswert, dass ich solche Menschen hier noch nie gesehen hab, obwohl es allerhand Wiesen, niedrige Mauern, Spielplätze und Bänke gibt. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es sie hier nicht gibt (nicht umsonst gibt meine Genossenschaft allerhand Tipps zum Thema Mieten und ALG II). Ich glaube vielmehr, dass sie die Gegend meiden. Die meisten Menschen würden jetzt jubilieren: „Ist doch toll! Was hat er denn?“ Ich sage hingehen: Es ist furchtbar! Denn Trinkergruppen sind nicht das einzige, was man nicht sieht: Nackte Frauen beim Sonnenbaden? Unvorstellbar! Spielende Kinder? Die Rentner hinter ihren Gardinen lauern schon auf Beute! Jugendliche, die sich ihre Handyklingeltöne vorspielen (muss man auch nicht mögen!): Höchstens an der Zentralhaltestelle zu finden. Kurzum: Ich könnte mich stundenlang ans Fenster setzen und würde gar niemanden sehen! Alle Menschen, die sich auf der Straße tummeln, sind dort nicht „einfach so“, sondern entweder auf dem Weg zum Müllcontainer, zur Schule oder zum nächsten Baum, um den Hund dort sein Geschäft verrichten zu lassen. Meistens jedoch auf dem Weg zum Auto, um der geistigen Enge dieser Siedlung zu entfliehen. Nacktbaden, spielen, Bier trinken und sich Handyklingeltöne vorspielen sind nämlich andernorts okay. Hier aber nicht.
Man darf sich jetzt nicht vorstellen, dass alle anderen Straßen der Stadt so lebhaft sind, doch zumindest bewegen sich auf ihnen Menschen, die einander als Fremde betrachten und sich anonym von A nach B bewegen oder gar in einer Gruppe verweilen. Nichts anderes verstehe ich unter Öffentlichkeit. Es scheint nun so, dass ein öffentlicher Raum in meiner Siedlung – und in wohl jeder anderen, ob Eigenheim oder Genossenschaft – nicht existiert. Dies hat nur bedingt mit dem Funktionswandel der Straße zu tun, sondern mit der Ideologie des Siedlungswesens, die meint, über den „öffentlichen“ Raum quasi ein Hausrecht zu besitzen und dementsprechend strengere soziale Normen festzulegen. Wie man in einem Restaurant nicht einfach „nur so“ sitzen kann ohne etwas zu bestellen, kann man sich auf diesen unseren Straßen „nur so“ bewegen, ohne dass man sich irgendwie seltsam dabei vorkommt. Ein Begegnungsraum sieht anders aus: Denn wo der halböffentliche Raum auf das gesamte Areal ausgedehnt wird, verkommt er zur frei verfügbaren Banalität, ohne dass eindeutig definierbare Grenzen und Zentren existieren. Urbane Räume dienen vor allem der Begegnung mit dem Fremden (hat das Hartmut Häußermann gesagt? Ich glaube.). Direkt unter mir existiert ja mit dem Platner Hof durchaus ein Treffpunkt, aber ich war noch nie darin. Es reizt mich nicht, denn wen würde ich sehen? Die selben Gesichter, wie ich sie auch auf der Straße sehe und mich da schon nicht interessieren. Ich wäre auch nicht anonym, sondern – gegebenenfalls ich benehme mich daneben – „der von oben drüber“. Die Kneipe ist somit nur die Fortsetzung des Straßenraumes, nicht eine andere Welt, in der ich mich anders verhalten kann oder muss. Wenn ich sie verlasse, befinde ich mich nach wie vor „in der Genossenschaft“, nicht in einem öffentlichen und anonymen Straßenraum. Und die beobachtet, dem Orwellschen Minilieb gleich, sehr genau, wodurch die Straße zur Anpassungsanstalt mutiert, die nicht nur den Ortsfremden (ganz zu schweigen vom kulturell Fremden!) ausschließt, sondern auch all jene Züge unserer Persönlichkeit, die nicht dem Genossenschaftsgeist entsprechen.
Es scheint so zu sein, dass der Genossenschaftsmensch unter besonders starkem sozialen Druck steht, den Erwartungen seiner Mitmenschen (Ruhe, gutbürgerliches, manierliches Auftreten) nachzukommen. Offenbar scheint dies aber kaum jemand als Zwang zu empfinden, denn die gleichen Erwartungen hegt man schließlich selbst (ich möchte mich da gar nicht ausschließen!). Die Menschen einer Genossenschaft mögen zwar wieder atomisiert worden sein, doch sind sie einander nicht anonym, sondern den Anderen durch ihren Mitgliedsausweis immer noch auf unschöne Art und Weise verbunden. Solidarität brauch niemand mehr zu erwarten, aber man muss stets den bösen Blick des Anderen fürchten. Ich habe mich etwa gerade selbst dabei erwischt, wie ich bei Schreien im Hof ans Fenster gegangen bin um nachzuschauen, was da vorgeht.
Ich will gar nicht irgendwelchen „alternativen Räumen“ das Wort reden. Solche Forderungen kommen von Leuten, die Plätze stadtguerillamäßig nach Che Guevara benennen (Ja, ihr komischen Leute in der Reitbahnstraße 84 seid gemeint!). Ich will einen öffentlichen Raum, in dem jeder tun und lassen kann, was er will, solange er niemandes Freiheit einschränkt. Mit Bewohnern, die nur gegenüber ihren Freunden und Familien ein Gemeinschaftsgefühl hegen und allen anderen Menschen mit Nicht-Aufmerksamkeit begegnen. Mit Ortsfremden, die ohne Scham die Straße entlangspazieren können, ohne die Blicke der Bewohner auf sich zu ziehen. Ich möchte Mitmenschen nur grüßen, weil ich sie kenne und schätze, nicht nur, weil wir zur selben Gemeinschaft gehören. Ich will halböffentliche Räume nur da, wo man sie bewusst betritt mit klaren Grenzen zu ihrer Umwelt. Die Straße gehört der Öffentlichkeit, keinem Anwohner, der sie als sein (Mit-)eigentum betrachtet.
Kurzum: Ich will nackte Tatsachen, ich will soziales Elend, ich will lärmende Kinder und Jugendliche! Ich will Leben um mich herum! Und wegen mir auch seinen Abfall! Eure sauber geleckte kleinbürgerliche Harmonie kotzt mich an!
Es gibt keinen Grund, mit Bruno Taut dazu aufzurufen, die gebauten Gemeinheiten niederzureißen, denn vielen gefällt offensichtlich, wie sie wohnen und ich bin nicht so überheblich, meine Meinung als absolute Wahrheit anzusehen. Ich gehe einfach. Hoffentlich bald.
2 comments 31. Juli 2008
