Posts filed under 'Stadtleben'

Stadtteilförderung

Neulich hatte ich im Kaßca, einer sehr netten Kneipe auf der Barbarossastraße, ein ganz typisches Kaßberg-Sonnenberg-Gespräch. Als ich die Wirtin für ihren Laden lobte und anregte, doch eine Filiale auf dem Sonnenberg zu eröffnen, lautete ihre Reaktion, dass man doch bei diesen Leuten keine Kneipe aufmachen brauche, ja, man sich doch nicht einmal nachts auf die Straße trauen dürfe, noch nicht einmal, um vom Auto ins Haus zu gelangen!

Die letzte Notiz nur am Rande (so als Beispiel für diese gruselige Kaßberg-Arroganz), es geht mir um die erste Äußerung: Sie offenbart genau jenen Teufelskreis, der daran schuld ist, dass es hier doch etwas trostlos ist. Es gibt kaum ein ansprechendes Kneipen- und Einkaufsangebot, also zieht niemand hier her. Und wenn es hier keine entsprechende Klientel gibt, eröffnet hier auch niemand einen Laden. Die Leerstandsquote der Ladenlokale von grob geschätzt 50-60% spricht eine klare Sprache.

Wie wäre es aber, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, Anreize zu schaffen, sich hier anzusiedeln? Bunte Gärten, Spielplätze und Abbruch-Baulücken sind ja wohl eher ein schlechter Scherz. Doch: Jeder Industrieinvestor erhält Fördergelder, warum nicht auch ein Gastronom oder ein Drogerist? Man könnte doch beispielsweise einen Mietzuschuss zahlen, der eine zu erwartende Durststrecke von ein, zwei Jahren zu überbrücken hilft. Gleichzeitig könnte man auch Mieter anlocken, wenn man etwa sagt: Wer hier her zieht und länger als 3 Jahre hier wohnt, bekommt das erste halbe Jahr seiner Mietkosten zurück. Bis dahin könnte sich ein selbsttragendes System entwickeln und die Förderung könnte stufenweise zurückgefahren werden.

Dafür braucht es natürlich ein Konzept. Zu erwarten ist freilich ein starker Konkurrenzkampf und ein noch stärkerer Druck auf Stadtteile, die nicht derartig gefördert werden. Aber warum auch nicht? In Zeiten schwindender Einwohnerzahlen muss sich das Rathaus endlich dazu durchringen, den Rückbau konsequent zu betreiben, d.h. gegebenfalls auch einen ganzen Stadtteil aufzugeben. Es darf sich nicht länger hinter dem Scheinargument verstecken, dass man ja die Bedürfnisse der Einwohner des Heckert-Gebietes ernst nehmen und jedem seine Wohnung lassen müsse. Wer die Platte liebt, findet in dieser Stadt Hunderte andere baugleiche Wohnungen und es kann doch auch so geregelt werden, dass feste nachbarschaftliche Beziehungen gemeinsam einen neuen Block, etwa im Yorck-Gebiet oder in Kappel beziehen. Soviel zu den Bedürfnissen des Einzelnen. Die Vielen aber wollen eine lebendige, keine zersiedelte Stadt und diese muss zukunftsfähig bleiben. Mit „hohlen Zähnen“ und Wohnblocks vertreut in der Landschaft wird dies wohl kaum gelingen. Denn: Was an städtebaulicher Karreestruktur einmal zerstört ist, kommt nicht wieder. In absehbarer Zeit wird kein Bauherr mehr Gesimse, Friese, Schaugiebel und Risaliten bestellen. Sollten irgendwann Plattenbauten wieder in Mode kommen, können die leichter wiederhergestellt werden. Deshalb braucht es endlich ein klares Bekenntnis zur Kernstadt, zum Sonnenberg, zu Schlosschemnitz, zum Brühlviertel. Der Kassberg funktioniert bereits und würde durch eine solche Maßnahme wohl kaum in Bedrängnis geraten, aber wenn sie dem Heckert oder vielleicht sogar einigen 90er-Jahre-Neubausiedlungen zu Leibe rücken würde, dann wäre das eine gute Sache, besonders wenn die dortigen Bewohner wirkliche Argumente statt bloßer Wir-müssen-eben-Abreißen-geht-nicht-anders-Rhetorik vorgesetzt bekämen.

2 comments 4. Dezember 2009

Stadt der Moderne? Ein Versuch.

Stadt der Moderne? Über kaum ein anderes Thema wird in Chemnitz derzeit so leidenschaftlich gestritten wie über den seit Sommer aggressiv propagierten Werbeslogan des Rathauses. Nun, eigentlich trifft „gespottet“ besser. Die Gegenkampagne  „Chemnitz zieht weg“ von bisher unbekannten Künstlern, die die Motive der offiziellen Kampagne übernimmt und ihre Überheblichkeit süffisant mit dem Slogan „Statt der Moderne“ ins Lächerliche zieht, ist gerade unter den Kreativen der Stadt populärer als ihr Vorbild, weil sie den Finger genau in die Wunden legt, die das Rathaus mit ein paar schicken Bildern und platter Hurra-Propaganda überspielt. Ist der Slogan deshalb wertlos?

Am heutigen Mittwoch weilte mit Jens Kassner einer der profiliertesten und scharfsinnigsten Beobachter des Chemnitzer Kulturlebens in der Stadt (er selbst ging lieber ins Exil nach Leipzig), um über den Slogan „Stadt der Moderne“ zu referieren. Eine wirkliche Antwort auf die Frage Ist Chemnitz wirklich eine Stadt der Moderne? blieb er allerdings schuldig. Stattdessen versuchte er sich an der Frage, was „modern“ im Allgemeinen und im Slogan eigentlich bedeutet und offenbarte damit bereits ein Kernproblem der Kampagne – ihre Verständlichkeit. Wann ist man denn als Stadt modern?

Liest man sich die Kommentare der Chemnitzer im Kubus auf dem Markt durch, so herrscht eigentlich ein großes Durcheinander:  Da gibt es Lobhudeleien auf die Innenstadtarchitektur, die technonologischen Errungenschaften, die Innovativität allgemein usw. Obwohl dies nicht einmal unbeabsichtigt zu sein scheint, muss Kassner, selbst Co-Autor des Slogans, letztlich eingestehen, dass Chemnitz seinem Anspruch, „modern“ zu sein, nicht nachkommt. Sein Modernitätsbegriff ist zweischneidig: Einerseits in der Geschichte Großes auf technologischem und kulturellen Gebiet vollbracht zu haben (hier ist für ihn angefangen vom Lucretia-Portal des Rathauses bis zum neuesten Technologiepark am Campus erstmal alles „modern“), andererseits immer offen für Neues zu bleiben, Widerspruch zu dulden, zielorientiert und fortschrittlich zu arbeiten.  Genau hieran kranke es aber:  Chemnitz sei zwar technologisch innovativ, aber nicht gesellschaftlich und kulturell. Anstatt Freiräume für neue Ideen zu bieten, verharre die Stadt in einer retrospektiven Sehnsucht nach „Ordnung, Sauberkeit und Ruhe“ und schrecke damit kreative Menschen ab (ExKa, Reba 84) . In Anspielung auf die Funktion der beiden Gehirnhälften (Ratio – Gefühl), mit der er die „2. Moderne“ symbolisiert, kommt er nicht umhin zuzugeben, dass Chemnitz ein „Schlaganfallpatient“ sei.

So weit so bekannt.

Wer aber ist nun für diese missliche Lage verantwortlich? Sicherlich mag es strukturelle Gründe geben (die Isoliertheit des Campus, die Insellage urbaner Zentren, die fehlende Revoluzzer-Tradition), aber auch Kassner gibt zu, dass das Projekt „Moderne“ gezielt torpediert wird. Wenn die Verantwortlichen der GGG zugeben, keine „Connewitzer Verhältnisse“ in der Stadt haben zu wollen (Kassner), wenn die Mittel für die Durchführung der Brühl-Begehungen gestrichen werden, wenn die Bedürfnisse der älteren Generation nach Ruhe und Ordnung mehr Gewicht besitzen als der Sturm und Drang der Jugend,  wenn stur nach „mechanischen Lösungen“ (ein Diskutant) gearbeitet wird, wenn man erst handelt, und dann diskutiert (Stadtabriss, diese Kampage), dann erhärtet sich der Verdacht, dass man sich zwar im Rathaus gern mit dem Label „modern“ schmückt, aber nicht zulassen will, dass dieser Begriff mit Inhalt gefüllt wird, der außerhalb des Rathauses ausgeheckt wird und womöglich Kritik seiner Politik heraufbeschwört.

All das erklärt, warum diese Kampagne so überheblich, aber zugleich auch kleingeistig und lächerlich wirkt. Aus dem Publikum kam zurecht die Kritik, dass die Leistungen von Chemnitz im Vergleich recht bescheiden ausfallen. „Moderne“ Architektur steht in jeder Großstadt, ein Technologiepark auch, unsere Uni ist höchstens gehobener Durchschnitt, die grünen Maschendrahtzäune an früheren Häuserstandorten zeigen, dass wir den notwendigen Stadtumbau nicht in den Griff bekommen, große Persönlichkeiten gingen schon immer aus Chemnitz weg (Carl Schmitt-Rottluff, Michael Ballack, ja Kassner selbst!) und so weiter und so fort. Chemnitz als „Stadt der Moderne“, ja, als ihr Symbol? Sarkastisches Gelächter und Kopfschütteln waren im Vortrag nicht selten zu vernehmen und es gibt gute Gründe, die „Statt der Moderne“-Gegenkampagne glaubwürdiger zu finden als ihr Vorbild.

Wie aber weiter? Es geht hier ja nicht nur um einen x-beliebige Slogan, sondern um den Anspruch, den er vermittelt. An der Spitze zu stehen, Impulse auszusenden, lebendig und avantgardistisch zu sein. Umso beängstigender ist, dass vor allem Fatalismus und Sarkasmus die Debatte auszeichnen, will man sie denn überhaupt so nennen. Es mangelt an Diskussionskultur und das auch – so viel Selbstkritik muss sein – unter der Intelligenz. Wo sind denn die protestierenden Intellektuellen? Wenn denn alles so schief läuft, warum beklagt sich Kassner nur, sondern bricht die Regeln nicht (er hat mehrmals betont, dass dies den Fortschritt ausmacht) und ruft nicht mal zum Protest-Flashmob auf? Was machen eigentlich die vielen Chemnitzer Künstler? Warum überlässt man die Deutungshoheit über die Stadt einem ruhe- und ordungsbedürftigen Rentnerstadl? Einfach zu gehen kann doch wirklich keine Lösung sein.

Insgesamt ist der Slogan „Stadt der Moderne“ aber dennoch eine gute Sache, denn er führt den Entscheidungsträgern tagtäglich vor Augen, was sie nicht sind, aber doch so gern sein wollen. Bei genauer Auslegung des Begriffs stärkt er die Kreativen und Innovativen, ist er eine Waffe gegen die Duldsamkeit. Nehmem wir das Rathaus beim Wort! Bis vielleicht die nächste – unverdächtigere – Slogansau durchs Dorf gejagt wird.

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In altbekannter Manier wird darüber natürlich auf Sachsen Fernsehen diskutiert.

 

1 comment 29. Oktober 2009

Rätselspaß mit City Cards

Ich tapeziere seit einiger Zeit meine Wände mit City Cards, diese Postkarten, die in jeder Kneipe herumliegen. Bei einigen Perlen ist es gar nicht so leicht herauszufinden, für wen da auf skurrile Art und Weise geworben wird… (die Auflösungen gibt’s am Ende des Artikels)

1. Wer treibt es wohl gerne bunt?

Wer treibt es wohl gerne bunt?

2. Ein Bordell? Eine Striptease-Bar?

Titten

3. Mit ein bisschen Phantasie ist das machbar!

Puzzle

4. Das lieg doch wohl völlig auf der Hand!

Des Kriepels Titten

5.  Zum Schluss das Highlight überhaupt!

Gut zu vögeln!

Auflösung: 1. Eine örtliche Wäscherei, 2. Titten sind Titten!, 3. Aufruf zur Organspende, 4. Ein Fitnessstudio… was denn sonst!?, 5. Wahlwerbung für die Partei der FeministInnen, UmweltschützerInnen und KaßbergbewohnerInnen… seit wann sind die ironiebegabt?

Add comment 16. September 2009

Wo sind die Prostituierten?

Nein, nein, ich suche keinen schnellen Sex. Nicht solchen. Aber:

Bevor ich hier her gezogen bin, habe ich so allerlei Schauergeschichten vom Sonnenberg gehört. In jedem dritten Haus ein Bordell, Drogenhandel allerorten , „Krawall und Remmidemmi“ (Jessika M.). Nun, nach knapp einem halben Jahr im „Hardore-Sonnenberg“ Gießerstraße, dem angekündigten Zentrum allen Übels muss ich sagen: So ein Quatsch! Hier passiert gar nichts! Mein Auto hat noch nie so friedlich geparkt, ne Polizeisirene hab ich noch nie vernommen und das Lauteste, was nachts jemals zu hören war, war ein – durchaus spektakulärer – Frettchenkampf auf der Kreuzung. Ansonsten sagen sich hier Fuchs und Hase genauso gute Nacht wie überall sonst in Chemnitz. Die menschlichen Abgründe, auf die ich mich so gefreut habe (ich empfinde das durchaus bereichernd für das eigene Weltbild), finden höchstens in Statistiken statt. Im Straßenbild selbst sieht man Armut, ja, aber nur wenige Skurrilitäten. Nichts, was es nicht überall anders auch gibt. Mir war natürlich bewusst, dass dies hier nichts die Dresdner Neustadt oder Leipzig-Connewitz ist, dafür exisitiert einfach kein studentischer kreativer Nährboden, der an die Öffentlichkeit drängt. So etwas erwarte ich ja nicht einmal, aber muss es denn gleich so apathisch sein? Tragt Euer Leben nach draußen! Zeigt, dass dies keine Schlafstadt ist! Es gibt hier mindestens eine Person, die das alles interessiert und genau deswegen hier wohnt!

Ein klein wenig bin ich enttäuscht.

1 comment 2. September 2009

Neues vom Sonnenberg: Dönerrevolution!

Beim Dönermann auf der Hainstraße (gegenüber vom Underworld Records) gibt’s jetzt statt 0815-Kräuter- und -Knoblauchsauce jetzt neu: Curry-Ananas-Sauce! Da sage noch mal jemand, es gingen keine Innovationen von hier aus… Unbedingt mal probieren! Demnächst soll es wohl noch mehr kurios Neues geben.

Und der Typ meinte, dass sie jetzt auch dem unsäglichen Döner Drive-In an der Zschopauer Konkurrenz machen wollen, indem sie auch bis nachts um 3 aufhaben. Wurde auch mal Zeit!

Add comment 3. Juni 2009

Warum Chemnitz toll ist (2)

Neulich nachts – ich hatte meinen Bus vom Campus mal wieder verpasst – musste ich zu Fuß nach Hause. Normalerweise kein Problem… man trinkt noch ein Bier, raucht die ein oder andere Zigarette und kommt im Stadtpark beim Rauschen der Chemnitz auf Normaltemperatur. Nun, dieses Mal hatte ich ein Problem – die Zigaretten waren aus und diese dämlichen Automaten wollen meinen Führerschein nicht haben. Was also tun? Okay, man könnte sich endlich mal eine EC-Karte mit Chip organiseren. Oder man fragt jemanden nach ‘ner Zigarette. Normalerweise bekommt (und gibt!) man die Antwort, dass man ja gerade seine letzte aufgebraucht hätte und es einem ja sooo leid tue. Und jetzt kommt das Tolle:  Ich hab genau diese Antwort bekommen, aber: dieser tolle Mensch von der Ecke Zwickauer-/Goethestraße hat mir doch glatt seine angezündete Zigarette überlassen. Er sei ja sowieso gleich zu Hause.

Zu banal? Mich hat das wirklich umgehauen. Fantastisch.

Add comment 17. März 2009

Völkerverständigung im Club der Kulturen

Wenn das mal nicht „aufregend“ wird…

fruhlingsfest-cdk1

Add comment 21. Januar 2009

Warum Chemnitz toll ist

Als „meine“ Erasmusstudenten gerade zwei Wochen hier waren, hab ich sie der Reihe nach gefragt, was sie denn an Chemnitz schätzen. Nunja, mal angesehen davon, dass sie den Kassberg ganz hübsch fanden, gab es da viel betretenes Schweigen. Zugegeben, die Stadt erschließt sich nicht auf den ersten Blick, deshalb will ich hier mal ein paar Gründe suchen, was an ihr lebens- und liebenswert ist. Ich fang mal an:

  • im Turmbrauhaus gibt’s das beste Bier der Welt
  • vier Studentenclubs laden eigentlich jeden Tag zum Ausgehen ein. Und das Subway to Peter und das Flowerpower gibt’s ja auch noch
  • Kontraste, Kontraste und nochmals Kontraste: ob in der Architektur oder bei den Menschen: Chemnitz ist spannend. Und streitbar.
  • Franck Ribery trägt pinke Schuhe? Wir haben einen ganzen babyhimmelblauen Verein!

Bitte ergänzen!

2 comments 4. Dezember 2008


Über diesen Blog

Chemnitz ist eine spannende Stadt. Eine Liebe auf den zweiten Blick. Streitbar, faszinierend und abstoßend zugleich, voller Schönheit und Hässlichkeit, manchmal etwas langweilig, aber immer liebenswert. Diesem Lebensgefühl will dieser Blog Ausdruck verleihen, völlig ideologiefrei, nur die Idiotie der menschlichen Existenz mit einer Prise Selbstironie offen legend.

Für den ganzen Mist hier verantwortlich und für Beschimpfungen und Anregungen stets aufgeschlossen:

Toni Jost
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