Verfasst von: Toni | 31. Juli 2008

Ein Abschiedsbrief an meine Wohnung Oder Über den Wert der Anonymität

Ich wohne jetzt seit zwei Jahren in der Genossenschaftsiedlung entlang der Platnerstraße, direkt über dem Platner Hof. Man könnte sich eigentlich nicht beschweren: Viel Grün um sich herum, Parkplätze en masse, kaum Lärm, Sonne den ganzen Tag, ein kleines Gärtchen, gute Einkaufsmöglichkeiten, gutbürgerliche und angenehme Nachbarn, eine okaye Miete, fantastische Verkehrsanbindungen…  Ich aber will hier nur weg!

Die Genossenschaftsbewegung des ausgehenden neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts verstand sich als Gegenentwurf zur Mietskaserne und ihrer Kultur des atomisierten Menschen, der eingepfercht, entfremdet und sinnlos einer Maschine gleich sein trostloses Dasein fristet. Dieser Mythos, den „lebendigen Menschen“ (Hendryk de Man) des Industriezeitalters nur als hilfloses Wesen seiner ökonomischen und gesellschaftlichen Umwelt zu begreifen, wurde zwar bereits von Zeitgenossen entzaubert (etwa von Paul Göhre, der sich als Theologe für ein paar Monate als Fabrikarbeiter verdingte und seine Erlebnisse in einem grandiosen Büchlein festhielt), war aber für die philanthropische Befreiungsideologie der sozialen Bewegungen zu bedeutend, als dass ihr die soziale Realität etwas anhaben konnte. Und so setzte die genossenschaftlich denkende Avantgarde der verteufelten gesellschaftlichen und städtebaulichen Gegenwart die Utopie (womit ich nicht meine: träumerisch oder unrealistisch, aber bitte lesen Sie doch weiter!)  einer wohlgeordneten Gemeinschaft entgegen, in der das Gemeinwohl über den Eigennutz steht, Brüderlichkeit regiert und das Leben in einen schönen, einfachen Plan eingebettet ist.

Tatsächlich war dieser Sozialismus ohne Klassenkampf anfangs ein Erfolgsmodell. Auf den Wäscheplätzen trafen sich die Frauen zum Plausch, die Männer versammelten sich in der Genossenschaftskneipe zum Skat und manchmal auch zur proletarischen Weiterbildung und teilweise (Hellerau!) wurde sogar gemeinsam produziert und verkauft. Die gesamte gebaute Umwelt sollte ein Begegnungsraum sein, ohne Mauern und Zäune. Man kann, muss aber diese heimelige Welt nicht als zwangsbeglückenden „Sonnenstaat“ betrachten, doch schuf der ordnende Verstand der Genossenschaftsleitungen eine abgeschlossene Welt in großer Distanz zur Gesellschaft, dem Staat und seinem Wirtschaftssystem. Vor allem aber: zum Rest der Stadt. Die Siedlungen verstanden sich als autarke Organismen mit einer eigenen Infrastruktur und einer großen ideellen und sozialen Homogenität.

Nun blicke ich mich in meiner Siedlung um und siehe da: Nichts davon hat die Jahrzehnte überdauert, der Anspruch hielt der Realität nicht stand. Sobald die Aufbaugeneration von den gewöhnlichen Mietern abgelöst wird, ist es mit dem Idealismus dahin. Prinzipiell kann das System aber auch dann noch funktionieren. Etwa wenn es sich um eine Notgemeinschaft handelt, d.h. wenn öffentliche Güter so knapp sind, dass die Gemeinschaft den Einzelnen tragen muss und der Einzelne ein Interesse daran hat, sich selbst in ihren Dienst zu stellen, um im Notfall selbst von ihr zu profitieren. Nun sind diese Zeiten der Selbsthilfe vorerst vorbei: ein Supermarkt schlägt die Preise eines Konsumvereins locker und selbst Arme und Kranke werden von der Gesellschaft versorgt und bedürfen keiner sich selbst organisierten Gemeinschaft mehr (naja, vielleicht wird das eines Tages wieder notwendig…). Technische Neuerungen haben den Lebensmittelpunkt für die Menschen außerhalb der Siedlung verlagert. Niemand muss mehr hinausgehen, um Neuigkeiten und Gerüchte zu verbreiten und zu erfahren, Internet und Auto ermöglichen soziale Netzwerke außerhalb der Siedlung. Sie ist letztlich zu einer Schlafstadt verkommen mit den scheinbar selben zwischenmenschlichen Beziehungen wie in jeder anderen Wohngegend. Übrig blieb nur das allgemeine Bedürfnis nach Stille, die nur hin und wieder von einer Feier im Genossenschaftstreff aufgebrochen wird – natürlich wohlorganisiert mit Alleinunterhalter für den stimmungsvollen Rahmen.

Faktisch sind die Menschen also gegenüber anderen Genossenschaftlern erneut atomisiert – in Form der teilweise noch existierenden Hausgemeinschaften allenfalls „molekularisiert“ –, doch etwas unterscheidet meine Genossenschaftssiedlung von … sagen wir, dem Sonnenberg (ein ziemlich „heruntergekommenes“ (es war ja nie wirklich herausgeputzt) Gründerzeitviertel). Es ist das Gefühl, das Recht zu besitzen, übereinander als Gemeinschaftsmitglieder bestimmen zu können, d.h. obwohl eigentlich anonym doch vom selben Schlag Mensch zu sein, und sich qua Genossenschaftsanteil als Eigentümer „seiner“ gebauten Umwelt zu fühlen (der Schachtelsatz soll zeigen, dass es sich um ein sehr diffuses Gefühl handelt!). 

Ich behaupte nun, dass dieser kümmerliche Rest der Genossenschaftsideologie verantwortlich ist für das überwältigende Gefühl von Langeweile und abgetöteter Lebendigkeit, das mich in dieser Gegend zunehmend überkommt. 

Eines der wichtigsten baulichen Merkmale des genossenschaftlichen Siedlungsbaus sind die engen Durchgänge oder gar Torbögen in die Innenhöfe der wagenburgähnlichen Hauseinheiten. Sie ziehen eine klare Grenze zwischen den angrenzenden Stadtteilen und sogar zwischen den Häuserblocks ein und derselben Siedlung selbst. Vor allem ziehen sie jedoch eine Grenze zwischen denen, die hier wohnen und den Fremden, die sich hierher verirren. Obwohl es kein Gesetz gibt, dass dies verbietet, überschreitet man sie als Fremder nicht einfach. Das Ich-gehöre-nicht-dazu-und-hier-nicht-hin-Gefühl muss schon mit einem klaren Auftrag betäubt werden, etwa wenn man jemanden besuchen will. Und selbst dann führt der schnellste Weg zur Klingel und von da auch wieder schnell zurück in die Außenwelt. Nur nicht stehen bleiben und auch keine unnötigen Blicke verschwenden, möchte man einem in die Psychologie des Genossenschaftswohnens nicht Eingeweihten raten! Die Folge wären nämlich missmutige Blicke aus Fenstern oder raschelnde Gardinen, hinter denen sich die Anwohner stillschweigend die selbe Frage stellen: Wer ist das und was zum Teufel macht der hier?   

Ein Beispiel: Man kann sich vorstellen, dass es in einer Stadt mit 15% Arbeitslosenquote viele Menschen gibt, die nichts Besseres zu tun haben, als den ganzen Tag zu trinken. Im Sommer auch gern öffentlich. Man muss diese Grüppchen nicht mögen, ja, man darf sie ob ihres eindimensionalen Tagesprogramms und ihres Hangs zur Selbstaufgabe sogar verachten, doch haben sie ihre Berechtigung. Jeder darf schließlich seinen Lebensentwurf verfolgen wie er will, solange er nicht die Freiheit des Anderen einschränkt. Nun ist es bemerkenswert, dass ich solche Menschen hier noch nie gesehen hab, obwohl es allerhand Wiesen, niedrige Mauern, Spielplätze und Bänke gibt. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es sie hier nicht gibt (nicht umsonst gibt meine Genossenschaft allerhand Tipps zum Thema Mieten und ALG II). Ich glaube vielmehr, dass sie die Gegend meiden. Die meisten Menschen würden jetzt jubilieren: „Ist doch toll! Was hat er denn?“ Ich sage hingehen: Es ist furchtbar! Denn Trinkergruppen sind nicht das einzige, was man nicht sieht: Nackte Frauen beim Sonnenbaden? Unvorstellbar! Spielende Kinder? Die Rentner hinter ihren Gardinen lauern schon auf Beute! Jugendliche, die sich ihre Handyklingeltöne vorspielen (muss man auch nicht mögen!): Höchstens an der Zentralhaltestelle zu finden. Kurzum: Ich könnte mich stundenlang ans Fenster setzen und würde gar niemanden sehen! Alle Menschen, die sich auf der Straße tummeln, sind dort nicht „einfach so“, sondern entweder auf dem Weg zum Müllcontainer, zur Schule oder zum nächsten Baum, um den Hund dort sein Geschäft verrichten zu lassen. Meistens jedoch auf dem Weg zum Auto, um der geistigen Enge dieser Siedlung zu entfliehen. Nacktbaden, spielen, Bier trinken und sich Handyklingeltöne vorspielen sind nämlich andernorts okay. Hier aber nicht.

 

Man darf sich jetzt nicht vorstellen, dass alle anderen Straßen der Stadt so lebhaft sind, doch zumindest bewegen sich auf ihnen Menschen, die einander als Fremde betrachten und sich anonym von A nach B bewegen oder gar in einer Gruppe verweilen. Nichts anderes verstehe ich unter Öffentlichkeit. Es scheint nun so, dass ein öffentlicher Raum in meiner Siedlung – und in wohl jeder anderen, ob Eigenheim oder Genossenschaft – nicht existiert. Dies hat nur bedingt mit dem Funktionswandel der Straße zu tun, sondern mit der Ideologie des Siedlungswesens, die meint, über den „öffentlichen“ Raum quasi ein Hausrecht zu besitzen und dementsprechend strengere soziale Normen festzulegen. Wie man in einem Restaurant nicht einfach „nur so“ sitzen kann ohne etwas zu bestellen, kann man sich auf diesen unseren Straßen „nur so“ bewegen, ohne dass man sich irgendwie seltsam dabei vorkommt. Ein Begegnungsraum sieht anders aus: Denn wo der halböffentliche Raum auf das gesamte Areal ausgedehnt wird, verkommt er zur frei verfügbaren Banalität, ohne dass eindeutig definierbare Grenzen und Zentren existieren. Urbane Räume dienen vor allem der Begegnung mit dem Fremden (hat das Hartmut Häußermann gesagt? Ich glaube.). Direkt unter mir existiert ja mit dem Platner Hof durchaus ein Treffpunkt, aber ich war noch nie darin. Es reizt mich nicht, denn wen würde ich sehen? Die selben Gesichter, wie ich sie auch auf der Straße sehe und mich da schon nicht interessieren. Ich wäre auch nicht anonym, sondern – gegebenenfalls ich benehme mich daneben – „der von oben drüber“. Die Kneipe ist somit nur die Fortsetzung des Straßenraumes, nicht eine andere Welt, in der ich mich anders verhalten kann oder muss. Wenn ich sie verlasse, befinde ich mich nach wie vor „in der Genossenschaft“, nicht in einem öffentlichen und anonymen Straßenraum. Und die beobachtet, dem Orwellschen Minilieb gleich, sehr genau, wodurch die Straße zur Anpassungsanstalt mutiert, die nicht nur den Ortsfremden (ganz zu schweigen vom kulturell Fremden!) ausschließt, sondern auch all jene Züge unserer Persönlichkeit, die nicht dem Genossenschaftsgeist entsprechen.

 

Es scheint so zu sein, dass der Genossenschaftsmensch unter besonders starkem sozialen Druck steht, den Erwartungen seiner Mitmenschen (Ruhe, gutbürgerliches, manierliches Auftreten) nachzukommen. Offenbar scheint dies aber kaum jemand als Zwang zu empfinden, denn die gleichen Erwartungen hegt man schließlich selbst (ich möchte mich da gar nicht ausschließen!). Die Menschen einer Genossenschaft mögen zwar wieder atomisiert worden sein, doch sind sie einander nicht anonym, sondern den Anderen durch ihren Mitgliedsausweis immer noch auf unschöne Art und Weise verbunden. Solidarität brauch niemand mehr zu erwarten, aber man muss stets den bösen Blick des Anderen fürchten. Ich habe mich etwa gerade selbst dabei erwischt, wie ich bei Schreien im Hof ans Fenster gegangen bin um nachzuschauen, was da vorgeht.

 

Ich will gar nicht irgendwelchen „alternativen Räumen“ das Wort reden. Solche Forderungen kommen von Leuten, die Plätze stadtguerillamäßig nach Che Guevara benennen (Ja, ihr komischen Leute in der Reitbahnstraße 84 seid gemeint!). Ich will einen öffentlichen Raum, in dem jeder tun und lassen kann, was er will, solange er niemandes Freiheit einschränkt. Mit Bewohnern, die nur gegenüber ihren Freunden und Familien ein Gemeinschaftsgefühl hegen und allen anderen Menschen mit Nicht-Aufmerksamkeit begegnen. Mit Ortsfremden, die ohne Scham die Straße entlangspazieren können, ohne die Blicke der Bewohner auf sich zu ziehen. Ich möchte Mitmenschen nur grüßen, weil ich sie kenne und schätze, nicht nur, weil wir zur selben Gemeinschaft gehören. Ich will halböffentliche Räume nur da, wo man sie bewusst betritt mit klaren Grenzen zu ihrer Umwelt. Die Straße gehört der Öffentlichkeit, keinem Anwohner, der sie als sein (Mit-)eigentum betrachtet.

 

Kurzum: Ich will nackte Tatsachen, ich will soziales Elend, ich will lärmende Kinder und Jugendliche! Ich will Leben um mich herum! Und wegen mir auch seinen Abfall! Eure sauber geleckte kleinbürgerliche Harmonie kotzt mich an!

 

Es gibt keinen Grund, mit Bruno Taut dazu aufzurufen, die gebauten Gemeinheiten niederzureißen, denn vielen gefällt offensichtlich, wie sie wohnen und ich bin nicht so überheblich, meine Meinung als absolute Wahrheit anzusehen. Ich gehe einfach. Hoffentlich bald.

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Responses

  1. […] August 2008 Vor kurzem habe ich darüber geschrieben, warum meine Wohngegend so langweilig und merkwürdig unlebendig ist. Ein Blick in die Zeitungen genügt um zu erkennen, dass es mit diesem Land auch nicht viel besser […]

  2. […] Die Kurzfassung: Der Sonnberg ist einfach nicht die glattgeleckte Scheiße wie der Kassberg oder meine alte Wohngegend. […]


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