Verfasst von: Toni | 23. März 2009

Ode an den Sonnenberg

Seit vorgestern wohne ich nun auf dem Sonnenberg, Gießerstraße Ecke Markusstraße. Auf der einen Seite mit Blick auf die Josephskirche samt angrenzender Schule, auf der anderen auf die komplette Gießerstraße- und Markusstraße. Bösewichte aufgepasst: Ich rauche am Eckfenster und kann das halbe Viertel überblicken!

Was hab ich mir nicht bei der Wohnungssuche alles anhören müssen und wie viele hochgezogene Augenbrauen haben an meiner Motivation gekratzt! Los ging das schon bei den Gesprächen mit den Vermietern. Ob das denn mein Ernst sei, freiwillig hierher zu ziehen. Die Frage kam für gewöhnlich direkt nach dem Verneinen von: „Kriegen Sie Hartz IV?“ Ein Freund meinte gar, dass ich mich einfach am beschissensten von allen Bewohnern benehmen sollte, um nicht aufzufallen. Und dann hab ich meine Geschichte erzählt, die außer einer einzigen Frau bisher niemand so richtig verstanden hat (es wäre wieder mal glatt ein Grund, mich in Dich zu verlieben, Iva. Aber das lassen wir lieber).

Die Kurzfassung: Der Sonnberg ist einfach nicht die glattgeleckte Scheiße wie der Kassberg oder meine alte Wohngegend.

Die metaphorisch, emotional und wissenschaftlich gepimpte Langfassung: Der Sonnenberg ist die Definition von un-perfekt. Ich hab diese Kategorie des Perfektionismus in meiner Magisterarbeit zum „sozialistischen“ Chemnitzer Stadtzentrum eingeführt (kommt bald raus! Wer DDR-Architektur interessant findet: Lesen!), sie lässt sich aber auch ideologisch verallgemeinern: De facto alle Städte des 20. und 21. Jahrhunderts wurden und werden so geplant, dass sie einer bestimmten Leitidee dienen sollen. Sei es im Sozialismus die imaginäre, „fertige“ Menschengemeinschaft oder im Kapitalismus die Konsumgesellschaft, die mit vollem Portemonnaie und leeren Händen in die Zentren zieht, um mit leerem Portemonnaie und vollen Plastiktüten in ihre eigens geschaffenen Schlafstädte zurückzukehren. Man follows function. Soziale Kontrolle allerorten. Solange es Stadtplaner gibt, wird CIAM nie sterben.

Noch aber machen sie aber um den Sonnenberg einen großen Bogen. Problemviertel, heißt es im Rathaus. Von weiterem Auflockern spricht man, von „bunten Gärten“, von Familienfreundlichkeit und Sportmöglichkeiten. Diese Idioten! Allesamt (verklagt mich! Dann kann ich’s Euch wenigstens noch mal ins Gesicht sagen!). Denn was liegt den ganzen Überlegungen zu Grunde? Ein Ideal. Das Kassberg-Ideal eines ruhigen, grünen, wohlhabenden, gut-bürgerlichen Viertels mit Vegetarierrestaurants, Cocktailbars und Hundetoiletten. Leb- und trostlos. Die hier tatsächlich existierenden Menschen haben darin keinen Platz.

Sonnenberg heißt Leben. In all seinen Facetten, die das Bürgertum in seiner ganzen Biederkeit gern in Statistiken abtut und ausgemerzt sehen will; Außenseiter. Vom Punk, über den Alkoholiker, bis hin zum Neonazi. Sonnenberg heißt Echtheit. Keine Attitüden. Hier hat fast jeder ne Kippe im Mund, ganz als ob es 30 Jahre Anti-Tabak-Propaganda nicht gegeben hätte. Mit abgewetzten Jogginghosen und ner Flasche Bier auf die Straße? Who cares!? Die Fußwege sind gesäumt von Hundekot, aus den glücklicherweise noch zahlreichen Abrisshäusern wachsen Bäume. Sie sprengen den Putz, der bei renovierten Häusern dem Betrachter Schönheit vorgaukelt.

Leben in Freiheit. Der Sonnenberg ist weder hipp, noch innovativ (wahrscheinlich. Vielleicht lasse ich mich noch eines besseren belehren) oder aufstrebend. Nicht mal „arm, aber sexy“. Hier sieht man nichts wachsen, dafür aber viel sterben. Ob Straßenzüge, Menschen auf Selbstzerstörungstrip oder der Musikgeschmack der Schulkinder: Comfortably Numb hat es Roger Waters genannt. Aber ein Problemviertel? Okay, problematisch für die Krankenkassen, die Statistiken und die Touristenführer, aber eine Zone der Freiheit für die Bewohner. Hier gibt es definitiv weniger soziale Kontrolle als in anderen Vierteln. Arg zart besaitete Menschen haben damit wahrscheinlich ein Problem, gerade, wenn einige über die Stränge schlagen. Für diejenigen, die auch Alkoholiker-, Drogen und Arbeitslosenkarrieren als lebenswert und bereichernd für das eigene Welt- und Menschenbild betrachten, können sich hier jedoch zu Hause fühlen und sich den Raum selbst aneignen, anstatt eine vorbestimmte Funktion zu erfüllen. Aber davon haben Stadtplaner ja keine Ahnung.

Zugegeben, dies alles ist nur ein erster Eindruck. Dass zum zweiten Mal in einer Woche in die Keller meines Hauses eingebrochen wurde und ein Teil meiner Ikea-Möbel aus unerfindlichen Gründen weg ist (ich hatte es einen Nachmittag im Treppenhaus stehen, vielleicht macht aber auch Ikea Fehler), geht mir ein bisschen auf den Sack. Aber nur ein bisschen. Es bleibt zunächst die Hoffnung, dass ich hier glücklich werde. Zumindest hab ich hier schon 10 Mal mehr Menschen kennen gelernt als in meiner alten Gegend. Da waren es 2.

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Responses

  1. […] unserem Stadtteil habe ich gestern einen Blog eines Nachbarn gefunden, der mich begeistert hat. Mit dem speziellen Ruf des Viertels wurden wir auch […]


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