Verfasst von: Toni | 14. Juli 2009

Über Karl Marx und anderen Unsinn

Neulich hatte ich ein nettes Gespräch mit einem Kommilitonen (der zugleich für die Texte der bezaubernden L.E.G.O. Sputnik verantwortlich zeichnet) und da ist mir wieder eingefallen, dass ich schon lange mal was über das Marxmonument und sein bauliches Umfeld loswerden wollte. Es ging nämlich um seine kommende Magisterarbeit, in der er sich mit sozialistischem Städtebau und kommunaler Identiät auseinandersetzen will. Spannendes Projekt, gerade am Beispiel Chemnitz. Was haben uns die baulichen Zeugnisse der DDR heute noch zu sagen? Wie gehen wir heute damit um? Ich komme da zu einer eher pessimistischen Einschätzung…

Eins vorweg: Jedes Gebäude ist in irgendeiner Form codiert, transportiert eine Idee, den Anspruch der Bauherren. Gerade politische Bauten sind hochgradig symbolbehaftet. Nicht umsonst baut man Parlamente aus Glas und Stahl, zeugen diese Materialien doch von Transparenz und der Verbundenheit von Volk und Vertretern. Oder man vergleiche den Kanzlerbungalow in Bonn mit dem Kanzleramt in Berlin: Besser kann man die veränderte Rolle Deutschlands in der Welt kaum beschreiben.

Zurück zu Chemnitz. Wir haben es hier mit einem Ensemble zu tun, das in seinem Auftreten stark politisiert, ja geradezu religiös aufgeladen ist. Da ist Marx, da ist die Parteizentrale im Hintergrund, da ist die Magistrale Brückenstraße: Es fehlen nur die Ehrentribüne und die demonstrierenden Massen mit Winkelementen, und es wäre wie früher. Nun, man kann dies als Skurrilität an Touristen verkaufen – wie es im Moment getan wird – mehr meines Erachtens aber auch nicht. Davon zeugt die tagtäglich zu beobachtende Trostlosigkeit rund um Marx. Wozu sollte man dort hingehen? Es zieht, es ist laut, es gibt dort rein gar nichts zu tun. Von Aneignung kann überhaupt keine Rede sein. Nicht umsonst hat die Neuere Sächsische Galerie den Kopf letztes Jahr verhüllt: Sie wollte ihn zurück ins öffentliche Bewusstsein bringen. Was macht man nun also mit dem Ding? Als ich vor ein paar Wochen mal nachgefragt habe, erntete ich nur ratloses Achselzucken. „Tja, es ist halt da.“, sollte das wohl heißen. Ist aber auch wirklich ne klifflige Frage. Als Mahnmahl gegen den Sozialismus kann es kaum taugen, dafür ist er nicht genug geächtet. Als positives Identifikationsmoment aber auch nicht: Was haben wir heute schon noch mit Marx zu tun? Angesichts der Shoppingmall-Zentrumskonzeption des aktuellen Rathauses ist Marx und der gesamte Platz ein ideeler Fremdkörper.

Die politische Symbolik des Platzes ist nur ein Hindernis. Das zweite ist die wie kaum an einer anderen Stelle verkörperte Arroganz der Moderne. Dieser Platz fügt sich nirgendwohin ein, er wurde dem überkommenen Stadtgrundriss gewaltsam übergestülpt. Ganze Straßenzüge wurden für ihn beseitigt und statt Tore zu den angrenzenden Stadtvierteln zu öffnen, hat man Mauern errichtet. Mauern gegen die verhasste Bürgerlichkeit am Brühl, an der Hartmannstraße, am Opernplatz, am Markt. Dies wirkt heute, da man die einst völlig ausgelöschte Altstadt versucht wiederzubeleben, umso stärker nach. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass das Brühlviertel so verödet ist, denn der Anschluss an die Innenstadt fehlt, zu ihr existiert kein direkter Weg mehr. Geht man den Brühl in Richtung Stadtzentrum, so steht man irgendwann mal im Hinterhof des Verwaltungsgebäudes entlang der Brückenstraße. Geht man vom Zentrum Richtung Brühl, steht man irgendwann an einer unwirtlichen Straßenkreuzung und mag schnell wieder umkehren. Dieser Platz, einst als neues Zentrum der Stadt entworfen, ist heute nur noch ein Hindernis, ein baulicher Fremdkörper in einer völlig gewandelten Aufassung von Stadt und Urbanität, eine Mauer zwischen zwei Liebenden – dem Zentrum und dem Brühl, die sich doch haben können. Dieser Schaden ist irreparabel, denn moderne Architetur in ihrer solitären Erscheinung ist schlicht nicht anpassungsfähig. Man kann nicht einfach mal ein Stück herausbrechen oder etwas anfügen. Es ist da: Ganz oder gar nicht.

Der Denkmalschutz sagt „Ganz“, ich sage „Gar nicht“. Dieses Monster hinter Marx muss weg. Anders kann meiner bescheidenen Meinung nach die Altstadt nicht aus ihrer Insellage und den Brühl nicht aus seiner Abgeschiedenheit befreien. Das Monument kann ja als Skurrilität stehen bleiben, aber es muss sich in den Stadtorganismus einfügen. Es muss damit Schluss gemacht werden, dass dieser Platz als Flächendenkmal betrachtet wird. Freilich ist er es mit seiner Marxbezogenheit, aber – mit Lenin gesprochen – wem nützt das? Identität vor Denkmalschutz! Dass das Ensemble hier nichts zu leisten im Stande ist, sieht man am großen Leerstand der Ladenlokale und der Apathie, mit der die Chemnitzer diesem Areal begegnen. Deshalb:  Wiederherstellung des alten Stadtgrundrisses, die die Kluft zwischen Zentrum und Vorstadt beseitigt.

Mir ist bewusst, dass da ein riesiger Rattenschwanz dran hängt: Dem Abriss müsste auch eine Verengung der Brückenstraße folgen, dazu die Beseitigung der Appartmenthäuser entlang der Mühlenstraße (man stelle sich vor: Vorortsiedlungsatmosphäre mit Stell- und Wäscheplätzen keine 100 Meter von der Oper entfernt! In Chemnitz Realität!). Anschließend müsste das gesamte Areal auch wieder neu bebaut werden. Im Moment ist dies freilich nicht möglich, aber ich denke, dass es falsch ist, sich mit dieser unerträglichen Situation abzufinden.

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