Verfasst von: Toni | 29. Oktober 2009

Stadt der Moderne? Ein Versuch.

Stadt der Moderne? Über kaum ein anderes Thema wird in Chemnitz derzeit so leidenschaftlich gestritten wie über den seit Sommer aggressiv propagierten Werbeslogan des Rathauses. Nun, eigentlich trifft „gespottet“ besser. Die Gegenkampagne  „Chemnitz zieht weg“ von bisher unbekannten Künstlern, die die Motive der offiziellen Kampagne übernimmt und ihre Überheblichkeit süffisant mit dem Slogan „Statt der Moderne“ ins Lächerliche zieht, ist gerade unter den Kreativen der Stadt populärer als ihr Vorbild, weil sie den Finger genau in die Wunden legt, die das Rathaus mit ein paar schicken Bildern und platter Hurra-Propaganda überspielt. Ist der Slogan deshalb wertlos?

Am heutigen Mittwoch weilte mit Jens Kassner einer der profiliertesten und scharfsinnigsten Beobachter des Chemnitzer Kulturlebens in der Stadt (er selbst ging lieber ins Exil nach Leipzig), um über den Slogan „Stadt der Moderne“ zu referieren. Eine wirkliche Antwort auf die Frage Ist Chemnitz wirklich eine Stadt der Moderne? blieb er allerdings schuldig. Stattdessen versuchte er sich an der Frage, was „modern“ im Allgemeinen und im Slogan eigentlich bedeutet und offenbarte damit bereits ein Kernproblem der Kampagne – ihre Verständlichkeit. Wann ist man denn als Stadt modern?

Liest man sich die Kommentare der Chemnitzer im Kubus auf dem Markt durch, so herrscht eigentlich ein großes Durcheinander:  Da gibt es Lobhudeleien auf die Innenstadtarchitektur, die technonologischen Errungenschaften, die Innovativität allgemein usw. Obwohl dies nicht einmal unbeabsichtigt zu sein scheint, muss Kassner, selbst Co-Autor des Slogans, letztlich eingestehen, dass Chemnitz seinem Anspruch, „modern“ zu sein, nicht nachkommt. Sein Modernitätsbegriff ist zweischneidig: Einerseits in der Geschichte Großes auf technologischem und kulturellen Gebiet vollbracht zu haben (hier ist für ihn angefangen vom Lucretia-Portal des Rathauses bis zum neuesten Technologiepark am Campus erstmal alles „modern“), andererseits immer offen für Neues zu bleiben, Widerspruch zu dulden, zielorientiert und fortschrittlich zu arbeiten.  Genau hieran kranke es aber:  Chemnitz sei zwar technologisch innovativ, aber nicht gesellschaftlich und kulturell. Anstatt Freiräume für neue Ideen zu bieten, verharre die Stadt in einer retrospektiven Sehnsucht nach „Ordnung, Sauberkeit und Ruhe“ und schrecke damit kreative Menschen ab (ExKa, Reba 84) . In Anspielung auf die Funktion der beiden Gehirnhälften (Ratio – Gefühl), mit der er die „2. Moderne“ symbolisiert, kommt er nicht umhin zuzugeben, dass Chemnitz ein „Schlaganfallpatient“ sei.

So weit so bekannt.

Wer aber ist nun für diese missliche Lage verantwortlich? Sicherlich mag es strukturelle Gründe geben (die Isoliertheit des Campus, die Insellage urbaner Zentren, die fehlende Revoluzzer-Tradition), aber auch Kassner gibt zu, dass das Projekt „Moderne“ gezielt torpediert wird. Wenn die Verantwortlichen der GGG zugeben, keine „Connewitzer Verhältnisse“ in der Stadt haben zu wollen (Kassner), wenn die Mittel für die Durchführung der Brühl-Begehungen gestrichen werden, wenn die Bedürfnisse der älteren Generation nach Ruhe und Ordnung mehr Gewicht besitzen als der Sturm und Drang der Jugend,  wenn stur nach „mechanischen Lösungen“ (ein Diskutant) gearbeitet wird, wenn man erst handelt, und dann diskutiert (Stadtabriss, diese Kampage), dann erhärtet sich der Verdacht, dass man sich zwar im Rathaus gern mit dem Label „modern“ schmückt, aber nicht zulassen will, dass dieser Begriff mit Inhalt gefüllt wird, der außerhalb des Rathauses ausgeheckt wird und womöglich Kritik seiner Politik heraufbeschwört.

All das erklärt, warum diese Kampagne so überheblich, aber zugleich auch kleingeistig und lächerlich wirkt. Aus dem Publikum kam zurecht die Kritik, dass die Leistungen von Chemnitz im Vergleich recht bescheiden ausfallen. „Moderne“ Architektur steht in jeder Großstadt, ein Technologiepark auch, unsere Uni ist höchstens gehobener Durchschnitt, die grünen Maschendrahtzäune an früheren Häuserstandorten zeigen, dass wir den notwendigen Stadtumbau nicht in den Griff bekommen, große Persönlichkeiten gingen schon immer aus Chemnitz weg (Carl Schmitt-Rottluff, Michael Ballack, ja Kassner selbst!) und so weiter und so fort. Chemnitz als „Stadt der Moderne“, ja, als ihr Symbol? Sarkastisches Gelächter und Kopfschütteln waren im Vortrag nicht selten zu vernehmen und es gibt gute Gründe, die „Statt der Moderne“-Gegenkampagne glaubwürdiger zu finden als ihr Vorbild.

Wie aber weiter? Es geht hier ja nicht nur um einen x-beliebige Slogan, sondern um den Anspruch, den er vermittelt. An der Spitze zu stehen, Impulse auszusenden, lebendig und avantgardistisch zu sein. Umso beängstigender ist, dass vor allem Fatalismus und Sarkasmus die Debatte auszeichnen, will man sie denn überhaupt so nennen. Es mangelt an Diskussionskultur und das auch – so viel Selbstkritik muss sein – unter der Intelligenz. Wo sind denn die protestierenden Intellektuellen? Wenn denn alles so schief läuft, warum beklagt sich Kassner nur, sondern bricht die Regeln nicht (er hat mehrmals betont, dass dies den Fortschritt ausmacht) und ruft nicht mal zum Protest-Flashmob auf? Was machen eigentlich die vielen Chemnitzer Künstler? Warum überlässt man die Deutungshoheit über die Stadt einem ruhe- und ordungsbedürftigen Rentnerstadl? Einfach zu gehen kann doch wirklich keine Lösung sein.

Insgesamt ist der Slogan „Stadt der Moderne“ aber dennoch eine gute Sache, denn er führt den Entscheidungsträgern tagtäglich vor Augen, was sie nicht sind, aber doch so gern sein wollen. Bei genauer Auslegung des Begriffs stärkt er die Kreativen und Innovativen, ist er eine Waffe gegen die Duldsamkeit. Nehmem wir das Rathaus beim Wort! Bis vielleicht die nächste – unverdächtigere – Slogansau durchs Dorf gejagt wird.

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In altbekannter Manier wird darüber natürlich auf Sachsen Fernsehen diskutiert.

 

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Responses

  1. Schön, dass ich das hier nachlesen kann. Ja, die Diskussionskultur. Wer ist hier eigentlich, der dazu etwas beitragen kann? Chemnitz hat so viel Gutes, gewinnt kleine Wettbewerbe wie den des ADAC mit den besten Taxifahrern (3. Platz), aber das wird nicht genutzt. Und eine Initiative, die irgend etwas Sinnvolles mit so einem Haus macht wie das ExKa, sollte in jedem Fall unterstützt werden. Es gibt genug andere marode Gemäuer an lauten Straßen.


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