Verfasst von: Toni | 20. März 2010

Städtebaulicher Ideenwettbewerb Justiz- und Behördenzentrum Chemnitz-Innenstadt (2)

Wie versprochen, hier ein paar tiefer gehende Anmerkungen zum Wettbewerb:

Zunächst erst einmal die Fakten: Es geht bei diesem Projekt um das Bürogebäude Brückenstraße 10-12, dem ehemaligen Rat des Bezirks und der SED-Bezirkszentrale (die „Parteifalte“) samt vorgelagerten Grünflächen und Marxmonument, die dahinter liegende ehemalige Gaststätte Forum, das Wohngebäude Straße der Nationen 23 („Titus“), den Parkplatz dahinter und die umliegenden Funktionsgebäude. All dies ist Landeseigentum bzw. steht unter  seiner Verfügung. Nicht einbezogen wurden die Appartmentgebäude entlang der Mühlenstraße (GGG) und das IHK-Gebäude an der Straße der Nationen.

Auftrag an die Architekten war, ein solches Konzept zu schaffen, das als Bindeglied zwischen Brühl und Innenstadt fungiert und das denkmalpflegerische Aspekte respektiert (nur das Marxmonument, die Terrasse und die Schrifttafel stehen unter Schutz, nicht aber das Gebäude selbst!). Insofern zeugt die Ausschreibung von einem hohen Problembewusstsein. Dass dieses Gebäude eine Mauer darstellt, die die Innenstadt zerschneidet, den Brühl abtrennt und insbesondere in seinem Hinterland ein unwirtlicher Ort ist, erkennen die Verantwortlichen.

Man möchte schreien: Endlich! Endlich wird dieses Problem angegangen, das ja bereits seit dem ersten Ideenwettbewerb Innenstadtgestaltung von 1991 bekannt ist, aber doch so hochsensibel ist, dass sich bisher keiner herangetraut hat. Nun, was haben die Architekten daraus gemacht? Um gleich auf den Punkt zu kommen: Nicht viel.

Das Problem des ganzen Wettbewerbs ist ein grundsätzliches. Da er allein auf Landesbesitz beschränkt bleibt, werden verkehrstechnische Fragen und kommunaler Grundbesitz weitestgehend ausgespart  Die Begründung, städtische Areale nicht mit einzubeziehen, ist mir schleierhaft, steht einer Lösung, die die Probleme an der Wurzel packt (Schneisen Brückenstraße / Mühlenstraße, dahingeworfene Platten Mühlenstraße als unwirtliche Verbindung zum Brühl) aber im Weg. Kaum Hoffnung sollte man sich auch hinsichtlich der Belebung des Areals machen: Hier wird ein Bürokomplex geschaffen, mit nur wenigen Erlebniseinrichtungen und überhaupt keinen Wohnungen. Dass hier um 5 die Bürgersteige hochgeklappt werden, ist leider absehbar.

1. Preis: Peter Koch, Chemnitz

Der Entwurf lässt das alte Gefüge des Karl-Marx-Forums bestehen, bauliche Veränderungen am Rat des Bezirks/der Parteifalte sind abgesehen von zwei Durchbrüchen in Erdgeschosshöhe nicht vorgesehen. Wie in allen Entwürfen wird die Forumsgaststätte abgerissen, auch der Anschlussbau Straße der Nationen 23 soll einem Neubau weichen. Leider wirkt der Entwurf arg blutleer, die Neubauten verstecken sich hinter dem alten Büroriegel, zu dem keine erkennbare Beziehung besteht. Kein Neubau passt sich ihm in seiner Linienführung an, gebührender Sicherheitsabstand folgt auf enge Gassenführung; die Platzfolge erscheint willkürlich, überdimensioniert und lässt bereits jetzt eine gähnende Leere erahnen. Das Fritz-Heckert-Geburtshaus („HeckArt“) steht noch verlorener in der Landschaft als es dies jetzt schon tut. Offene Zugangswege bestehen nur über die Straße der Nationen und die Mühlenstraße – wie de facto bereits jetzt schon. Städtebaulich ändert sich mit Ausnahme der Bebauung bzw. Zugänglichmachung des Parkplatzes nicht viel, der Weg zum Brühl bleibt architekturpsychologisch mühsam, eine erlebbare und sichtbare Beziehung vom und zum Stadthallenpark, die motivierend wirkt, tatsächlich in bzw. durch dieses Areal zu flanieren, existiert nicht. Positiv hervorzuheben ist allein, dass das König-Albert-Museum eine bauliche Fassung seiner Rückseite erhält – der Wettbewerbsausschreibung geschuldet bleibt diese jedoch Fragment. Alles in allem entsteht der Eindruck eines Hinterhofes, einer kleinen Insel der Bürokratie mit wenig Beziehung zu seiner Umgebung.

2. Preis: Bielenberg Architekten, Dresden


Dieser Entwurf macht mich sprachlos. Haben die Architekten beim Projektieren Büroblock-Weitwerfen gespielt und wie sie eben gelandet sind, so kamen sie in den Plan? Eine Piazza als raumbildendes Element inmitten eines Bürokomplexes? Ich bitte Sie! Und dazu 50m breite Zugangswege zur Mühlenstraße und zur Straße der Nationen, während man den Komplex in Richtung Karl-Liebknecht-Straße  mit zwei Gebäuden nahezu abriegelt? Die „Mauer“ an der Brückenstraße bleibt bestehen, zum Opernplatz besteht keine Beziehung, erst recht nicht zum Stadthallenpark… mit einem Wort: katastrophal.

3. Preis: Michel+Wolf+Partner, Stuttgart


Im Gegensatz zu den beiden höher bewerteten Entwürfen gibt sich dieser Plan sehr streng und nimmt mit seiner Straßenfüfrung die verlorene Vorkriegssituation wieder auf. Die drei Baublöcke – von denen einer an das bestehenden IHK-Gebäude anschließt, mit zwei Lücken aber aufgebrochen wirkt und somit einen interessanten und möglicherweise sogar intimen Durchgang erlaubt – belegen leider nur die Hälfte des Baufeldes. Der riesige Platz in Richtung Mühlenstraße besitzt keine bauliche Fassung, ein Anschluss an die Karl-Liebknecht-Straße und damit zum Brühl erscheint so nicht zu erreichen. Leider ist dies nicht gewollt, da die Planer die Hauptachse des Areals als vom Museum ausgehend (der Eingang!) zum Marxmonument definieren, was schlicht blödsinnig ist. Auch korrespondieren die neuen Gebäude kaum mit dem „Rat des Bezirks“. Eine zu breite Zugangsstraße signalisiert Sicherheitsabstand, eine Einheit Brühl – Behördenzentrum – Innenstadt ist auch hier nicht zu erwarten, insgesamt jedoch ist dieser Entwurf unter den Preisträgern der beste. Mit einem Durchbruch des Büroriegels und einem vierten Gebäude auf dem Areal des verloren wirkenden Freiraumes könnte dieser Plan funktionieren und tatsächlich zwischen Mühlenstraße / Straße der Nationen und Innenstadt / Brühl vermitteln. Ein guter Ansatz ist erkennbar.

Ich erspare mir und Euch, jeden der weiteren gut zwei Dutzend Entwürfe einzeln zu untersuchen. Einzelne Aspekte, besonders architektonisch könnte man noch aufgreifen, die Probleme und Fehler sind im Großen und Ganzen aber die selben, oft nur noch viel liebloser begangen. Einen jedoch möchte ich hervorheben, den der

Hamilton Architects Masterplanners, London

Großartig! Ganz und gar großartig! Die Engländer haben als einzige wirklich verstanden, dass man hier keine weitere Insel bauen muss, sondern ein Bindeglied. Dass dazu die Überformung der bestehenden Bausubstanz gehört, erkennen sie und lösen es auf eindrucksvolle Weise. Der Büroriegel Brückenstraße wird aufgebrochen und eine direkte Querachse zur Karl-Liebknecht-Straße geschaffen, der richtigen Erkenntnis folgend, dass dies die wirklich wichtige Ader des neuen Viertels ist und nicht die Linie Museum-Monument. Keine wirren Platzfolgen, sondern klare Strukturen, eine relativ kleinteilige Architektur, die in Richtung Mühlenstraße in ihrer Geschosshöhe abfällt. So entsteht der Eindruck eines offenen Geländes, das sich nicht durch Mauern isoliert, sondern einlädt, nicht nur in, sondern auch durch das Areal zu streifen. Intelligente Zugangswege versprechen, dass hier kein Hinterhof entsteht und als einer der wenigen Entwürfe lässt er Raum für die Erweiterung in Richtung Mühlenstraße, da er kein geschlossenes Ensemble konstruiert. Der kleine Platz besitzt eine gute Maßstäblichkeit und lässt einen schönen Blick auf das Highlight des gesamten Planes erahnen: den Anbau an die „Parteifalte“: Behält sie zur Brückenstraße ihre ursprüngliche Form, erhält sie an ihrer Rückseite einen etwas niedrigeren Glasanbau, der sich wundervoll an ihre Form anschmiegt und ein wahres Aushängeschild für die „Stadt der Moderne“ werden könnte. Natürlich kann man im Detail streiten: Ist der Turm notwendig? Wohl eher nicht, das Mercure sollte als Stadtkrone genügen. Könnte man die Straßen noch besser definieren, mit ein bisschen mehr Bau und weniger Grün? Vielleicht. Sollte man das Marxmonument in ein Wasserbassin setzen? Nein. Nichtsdestotrotz ist hier ein großer Wurf gelungen, der den Wünschen der Bürger nach einer abwechslungsreichen und begehbaren Stadt mit interessanter Architektur am nächsten kommt.

Fazit: Mit der Konzeption und den Ergebnissen des Wettbewerbs läuft man Gefahr, nur eine weitere Insel im Stadtgefüge zu schaffen, die abends zudem völlig ausgestorben sein wird. Architektonisch könnte es interessant werden, städtebaulich hingegegen bleibt das Gebiet nach wie vor eine Katastrophe. Falls nicht das Sächsische Immobilienmanagement noch zur Einsicht kommt, hier eine Fehlentscheidung getroffen zu haben. Zu wünschen wäre es ihm. Und uns.

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Responses

  1. […] Wettbewerb Behördenzentrum Innenstadt: auch hier soll ein Bindeglied geschaffen werden, zwischen Innenstadt und Brühl. Was macht man? […]

  2. Ich war gestern in der ExKa-Diskussion im Schauspielhaus. <a href=""http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/REGIONALES/CHEMNITZ/7388073.php

  3. O, Ich wollte den Kommentar bearbeiten, Ausprobieren geht also nicht. Ich habe gesagt, dass ich diese Initiative gut finde und man sie da lassen sollte, wo sie ist. Warst Du auch da oder hast davon gehört?

  4. Wie so oft hab ich erst davon erfahren, als es vorbei war… Hatte gestern Abend aber ein zweistündiges Gespräch darüber mit jemandem, der in der Kulturpolitik der Stadt mit drin hängt und er war komplett gefrustet. Erzähl mal, was hattest Du für Eindrücke?


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