Verfasst von: Toni | 1. April 2010

Potemkinsches Dorf Chemnitz

Wenn man sich die Berichterstattung auswärtiger Medien der letzten Monate anschaut, so kommt Chemnitz übel weg. Da ist Chemnitz die zukünftige älteste Stadt Europas, die sinnlos ihre Geschichte abreißt und ihre Jugend verprellt. Niemand hier würde dies ernsthaft bestreiten, aber es ist doch kurios, wie wenig diese Probleme in der Stadt selbst zum Thema gemacht werden. Okay, gegen die Überalterung können wir wahrscheinlich nix mehr ausrichten, aber was ist zum Beispiel mit dem Stadtabriss? Da gibt es seit einigen Jahren das „Stadtforum Chemnitz„, von denen man mal abgesehen von einer Publikation im letzten Jahr nichts mehr hört (wohl auch, weil sein größtes Sprachrohr kleinlaut Konkurs anmelden musste). Und das neue Kuratorium Stadtgestaltung? Das hat zwar seine Arbeit aufgenommen, aber ich möchte bezweifeln, dass das viele Menschen interessieren wird. Wie auch das Thema Jugendarbeit: Da trommeln die Verantwortlichen des alternativen Wohn- und Kulturprojekts Reba84 nun schon seit Monaten, dass sie in ihrem Domizil bleiben dürfen und keiner hört hin.

Geschaffen wurde in den letzten Jahren eine Identität der Abkapselung, ein Cocon der Glückseligkeit, in dem die Probleme der Stadt einfach weggelächelt werden. Da klammert man sich an Titel („Stadt der Wissenschaft“, nix geworden) und Slogans („Stadt der Moderne“), formuliert krampfhaft hehre Ansprüche, hinter denen aber nur ganz, ganz wenig steckt. Das nennt man Potemkinsche Dörfer bauen, liebes Rathaus, liebe Bürger! Da läd man Experten ein (soziologische Studie Reba84, Kuratorium, auswärtige Teilnehmer beim Wettbewerb Bürokomplex Innenstadt), lässt sich aber überhaupt nichts sagen und diskutiert auch nicht. Immer nach dem Motto „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.“  Harmonie passt nicht zu einer lebendigen Stadt! Und langsam wird es auch peinlich!

Ein paar Beispiele

  • die Reitbahnstraße: soll laut Stadtentwicklungsplan das Bindeglied zwischen Campus und Innenstadt sein. Wenn die Reba84 schließen muss, herrscht hier Totenstille. Ziel erreicht.
  • der Wettbewerb Behördenzentrum Innenstadt: auch hier soll ein Bindeglied geschaffen werden, zwischen Innenstadt und Brühl. Was macht man? Prämiert einen Vorschlag, der sich vor dem sozialistischen Zentrum duckt. Bloß keine Befindlichkeiten verletzen!
  • Heckert: Schrumpfen von außen nach innen – klingt ganz logisch, wären da nicht ein paar Rentner, die nun unbedingt in „ihrer“ so ganz individuellen Platte bleiben wollen. Aber keine Angst, Euch packt schon niemand fest an.
  • Sonnenberg: Wirklich krampfhaft will die GGG die südliche Zietenstraße abreißen und das alles in einen tollen Bunten Garten verwandeln. Jetzt gibt es einen Verein „Stadthalten Chemnitz„, der die Blöcke als „Wächterhäuser“ konservieren will und selbst das Kuratorium sagt unmissverständlich, dass die Idee des Abrisses dümmlich ist und stattdessen lieber der Verkehr aus der Straße herausgeholt werden sollte. Ausgang ungewiss, zumal das Kuratorium vor allem „preußisch“ besetzt ist.

Befindlichkeiten! Ohne klare Linie wird in dieser Stadt versucht, es wirklich jedem recht zu machen. Von allem ein bisschen, ein bisschen Platte, ein bisschen Jugendkultur, ein bisschen Brühl, ein bisschen Innenstadt, ein bisschen weniger Abriss. Unmut so in Grenzen halten, dass man zwar schimpft, aber sein Kreuzchen bei der nächsten Wahl doch an der richtigen Stelle macht. Im Ergebnis vergrault man besonders diejenigen, die den Anspruch einer „Stadt der Moderne“ mit Leben füllen sollen.

Woher kommt das? Nun, ich sehe die Beratungsresistenz als Abwehrreflex auf 40 Jahre Fremdbestimmung. Wir, die ja ach so modern sind, wissen doch am besten, wie es geht. Ohne zu merken, dass man selbst Teil dieser Befindlichkeiten ist und dass man manchmal auch Hilfe annehmen muss. Und dass jene, denen wir unser industrielles und kulturelles Erbe verdanken, zum größten Teil Auswärtige waren! Wie der MDR-Bericht von oben ganz richtig deutlich macht, herrscht aber auch eine eigenartige Angst vor „Urbanität von unten“, vor dem Selbstengangement der Bürger. Stattdessen wird lieber zwangsbeglückt. Liebe Stadtverordneten, gebt zu: Euch wären Demos mit Winkelementen und Bannern mit Euren Konterfeis lieber als Protest-Flashmobs, oder?

Zum Prädikat „modern“ gehört nun mal auch, offen zu sein. Sich selbst zu hinterfragen. Das geht an jeden einzelnen von Euch. Denn nur mit Bürgern, die ihren Mund nicht aufmachen, kann man so umspringen! Aber liebes Rathaus, lass die vielen Initiativen, die mittlerweile gibt, doch bitte von der Leine!

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Responses

  1. […] Potemkisches Dorf Chemnitz « Gedanken vom Sonnenberg […]

  2. Danke für das Update, was sich hier so tut! Das ExKa fiel mir von Anfang an positiv auf. Ich verstehe nicht, wieso die GGG dem Stadtratsbeschluss zuwider handeln kann.
    Gegen den Titel „Älteste Stadt Deutschlands“ habe ich nichts. Eine wird es, und die sollte möglichst viele innvovative Aspekte damit verknüpfen.


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