Verfasst von: Toni | 29. Juni 2010

Random links (2)

Martin Mosebach in der FAZ über den Niedergang von Architektur und Städtebau nach dem 2. Weltkrieg:

„In der Perversion historischer Gesinnung legen wir uns mitten in einer grundsätzlichen rauschhaften Geschichtsvergessenheit eine eigene hochwissenschaftliche Kunstgeschichte für jedes einzelne Jahrfünft des Wiederaufbau-Jammers zu; wir führen penibel Buch über jedes theorienabgestützte, in Wahrheit aber von Habsucht und Politikunfähigkeit gezeichnete Städtebauprojekt. Die Verzerrung des wissenschaftlichen Blicks, die jede ästhetische Wertung ächtet, erhebt jeden hohlen armseligen Pappkarton, der trotz seiner Nichtigkeit wie eine Bombe in die gewachsenen Kataster eingeschlagen ist, zum Baudenkmal.“

Interview mit Albert Speer Jr. auf Spiegel Online über den Mangel an Geschichtsbewusstsein bei Architekten:

Spiegel Online: Kein bisschen berufsständische Selbstkritik?

Speer: Doch, die Idee der modernen Architektur war mit der Vorstellung verbunden, durch besseres Bauen einen besseren Menschen schaffen zu können, einen aufgeklärten, mündigen Bürger mit sozialem Gewissen, mit einem neuen Bewusstsein. Aber wir haben gelernt: Der Architekt ist kein Sozial-Ingenieur. Überhaupt dieser Anspruch: Was wir heute denken, ist das einzig Richtige, was die Altvorderen gedacht haben, ist bedeutungslos – der war anmaßend. Das neue Bewusstsein, das man erzeugen wollte, war ja total geschichtslos. Diese Leute haben Geschichte geradezu verabscheut. Die wahre Ursache der baulichen Nachkriegsmisere ist diese fundamentale Geschichtslosigkeit des Zeitgeists. Schuld daran war aber kein einzelner Architekt.“

Offtopic: D. Lauer bei Stefan Niggemeier über das Phänomen Lena Meyer-Landrut und warum wir alle ein bisschen so wie sie sein wollen:

„LML [L.ena Meyer-Landrut] ist nicht die Ikone der Bürgerlichkeit. Sie ist die (sehn-)süchtig machende Erinnerung an das Glücksversprechen des Pop, verkörpert in dem Gesicht einer Caravaggio-Madonna mit ironischem Grinsen und frechem Mundwerk. Die Sehnsucht, die LML weckt, ist nicht die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit, sondern das Versprechen, dass – wenigstens stellvertretend in ihrer Person – die Befreiung vom Korsett der Bürgerlichkeit möglich ist. Deshalb träumen so viele laut oder leise davon, so zu sein wie sie – und schon allein diesen Traum träumen zu können, indem man sie beobachtet, führt ein Stück des Glücks mit sich. Wenn das Mittelschichts-Bürgertum LML liebt, dann nicht deswegen, weil sie genauso ist, wie es selbst, sondern weil es sich heimlich danach sehnt, ganz anders zu sein, als es ist.“

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