Verfasst von: Toni | 21. November 2010

Eine kurze Geschichte vom Abriss

Heute Nacht fielen die Gebäude Augustusburger Straße 106 und 108. Seit vielen Jahren leerstehend, keine besonderen Schönheiten. Öffentliches Interesse am Abriss? Fehlanzeige. Nur die abrissbedingte Sperrung der Straße wird den ein oder anderen Autofahrer gestört haben. In vier Wochen wird sich kein Mensch mehr daran erinnern, dass es die Häuser jemals gegeben hat.

08. 11.: schon ausgeschlachtet                   19. 11.: Nacht & Nebel

Im Rathaus erfüllt sich damit eine Vision, die schon seit dreißig Jahren gehegt wird: die Vervollständigung des Grünzugs Augustusburger Straße! Jaha! Genau der. Wer kennt ihn auch nicht? Malerisch zwischen Uferstraße, Tramtrasse und Einfallstraße gelegen, ist er das perfekte 5 Meter breite Refugium für den erholungsbedürftigen Städter! Spielende Kinder, herumtollende Hunde, junge Leute mit ihren Picknickkörben, barbusige Frauen – wir sollten wirklich dankbar sein, endlich auf diesen Anblick hoffen zu dürfen, statt zwei schon hundert Jahre alte Häuser ertragen zu müssen.

Ich hatte die Gelegenheit, vor Kurzem noch in die Häuser hineinzuschauen. Teilweise saniert, teilweise noch mit Öfen und alten Holzfenstern. Nichts Ungewöhnliches für die Stadt. In der 108 aber Rääääume! Mit Stuckdecken! Und 2,50m hohen Flügeltüren! Ein Traum für jede WG und sonst wohl nur noch auf dem Kaßberg zu finden. Ansonsten waren sie in ordentlichem Zustand, keine Fenster kaputt, Türen verbarrikadiert, die stünden noch eine Weile. Wären da nicht, ja wären da nicht zwei kleine Löcher im Dach der Häuser, die es dem Regen über Jahre ermöglicht haben, sie komplett zu durchnässen und die oberen beiden Geschosse jeweile auf Größe eines Raums zum Einsturz zu bringen. System? Methode? Ich kann hier weder verleumdend noch beleidigend werden und so bleibt es bei der Feststellung (die jeder gern für sich selbst in ihrer Drastigkeit ausweiten kann), dass die GGG ihr Möglichstes getan hat, um es jedem potentiellen Käufer so schwer wie möglich zu machen, das Haus zu erhalten.

Und was sagt der Denkmalschutz? Der hat zu viele Objekte, um sich um jedes kümmern zu können und wirft sein Gewicht nicht wegen so ein paar banalen Häusern in die Waagschale. Kann man Herrn Morgenstern kaum vorwerfen. Das Stadtforum? Hat sein Pulver bei der Rettungsaktion für die Hartmannstraße 16 (das Haus, das beim Bau der neuen Hartmannbrücke beschädigt wurde) bis zur Lächerlichkeit verschossen. StadtHalten? Ist wohl froh, dass nicht die gegenüberliegende Straßenseite betroffen ist. Zurecht. Die anderen Eigentümer in der Gegend? Können vom Abriss profitieren, indem sie sich des Wertvollen bedienen, das zuvor zum Ausschlachten freigegeben war. Würde ich auch machen und danke sagen. Wer sollte es ihnen verdenken?

Und so interessiert es niemanden, dass die Augustusburger Straße 106 und 108 für immer der Vergangenheit angehören.

So läuft das in Chemnitz.

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Responses

  1. Letzten Endes sind die Abrisse Folge des demografischen Wandel in Chemnitz.Kaum eine deutsche Stadt ist so ausgeblutet wie diese.Chemnitz hat die stärkste Alterung aller deutschen Grossstädte.
    Die Häuser hätten zurechtgemacht sehr mondän gewirkt.Schade,dass sie abgerissen wurden.

    • Vorne Hauptstraße, hinten Eisenbahn, gegenüber Autohof und Müllentsorgung. Das ist nicht gerade die beste Wohnlage. In Chemnitz sind solche Lagen mittlerweile weder vermietbar, geschweige denn verkäuflich. Da können die Räume noch so schön sein, wenns keine Leute mehr gibt, die das an dieser Stelle benötigen, ist es eben nach 20 Jahren Leerstand für keinen mehr vertretbar, diese Ruinen zu sichern. Wenn dann eines Tages wieder der Bedarf kommen sollte, hat man ja wieder Grund zur Verfügung. Bitte mache man sich klar, daß der qm Sanierung eines solchen Hauses nicht unter 2000 € zu haben ist, jedoch am Sonnenberg derzeit bie hoher Fluktuation (Maklergebühren!), schlechter Bonität und sehr langwieriger Suche kaum über 4 € / qm Miete zu erwirtschaften sind. Das macht also für 60 m² 2900 € Mieteinnahme pro Jahr. Wenn man nur 5 % Rendite möchte, darf der sanierte qm nicht mehr als 960 € in der Investition kosten. Das spricht betriebswirtschaftlich eine klare Sprache, der Eigentümer hatte echt Langmut, dieses Trauerspiel 20 Jahre durchzustehen. Er hat ja auch einige laufenden Kosten, hat er doch die Sicherungspflicht und nun den Abriß an der Backe. Übrigens ist die oben aufgemachte Rechung ganz interessant in Bezug auf die so allgemein recht verhaßten West-Investoren, die in den 90ern ihr Geld auch nach Chemnitz getragen haben. Selbst das Gebietsfördergesetzt hat dank seiner guten Abschreibemöglichkeiten den offensichtlichen Verlust wett gemacht, und wird es nie tun. Diese Investitionen waren alle reine Liebhaberei und sozusagen persönlicher Beitrag der wohlhabenderen in den Aufbau Ost. Also bitte: alle freuen, daß es in Chemnitz ein großes Angebot toll sanierten Wohnraum, dank Überangebotes zu erschwinglichen Proisen, in der schönen Innenstadtlage gibt, und daß nun endlich die Überkapazitäten verschwinden.


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