Verfasst von: Toni | 15. März 2011

Aus der Werkstatt eines Doktoranden: Mein Thema

Ich plane schon seit längerer Zeit einmal etwas über meine eigentliche Arbeit, nämlich meine Dissertation zu schreiben. Nur habe nach getaner Arbeit meistens nicht mehr die Lust, das Thema nochmals anzugehen. Jetzt wird’s aber langsam mal Zeit. In diesem ersten Beitrag stelle ich Euch mein Thema erst einmal vor. In späteren Artikeln folgen dann der Anfang/die Finanzierung, mein Alltag, der Kampf gegen den Schweinehund und was einmal das Ergebnis der Arbeit sein soll. Vielleicht kann ich damit ja angehenden Doktoranden auch ein bisschen helfen.

Das Thema, an dem ich seit nunmehr fast zwei Jahren sitze, heißt „Die Entstalinisierung des Bauwesens in der DDR“. Klingt erst einmal sehr akademisch, ihre Folgen sind aber in den ostdeutschen Städten ein vertrautes Bild, denn es geht dabei um den Übergang von den „Zuckerbäckerstil“-Bauten Anfang der fünfziger Jahre hin zur industriellen Bauweisen, die später einmal in der „Platte“ mündeten.

Stalin mochte wie alle Diktatoren Architektur. Hier konnte er seine Vision der Gesellschaft in Stein meißeln und der Nachwelt quasi für die Ewigkeit hinterlassen. Reich dekoriert, monumental und so gar nicht dem Zeitgeist entsprechend zeugen die Gebäude noch heute vom „Gesamtkunstwerk“ (Boris Groys), das sich Stalin und seine Helfer für den Kommunismus der Zukunft erdacht hatten.

Darüber ist nun aber wirklich genug geschrieben worden. Mich interessiert stattdessen das Ende dieses Architekturverständnisses und der Übergang zu neuen Ideen. Nach Stalins Tod hatte Chruschtschow 1954 in Moskau gefordert, doch bitteschön endlich billiger und schneller zu bauen. Das verkünstelte Bauen war ja geradezu sündhaft teuer! Qualität statt Quantität hieß die Losung unter Stalin, obwohl nach dem Krieg noch allernorts große Wohnungsnot herrschte. Chruschtschow wollte und musste das Verhältnis umdrehen.

Obwohl Chruschtschow allein ökonomisch dachte, öffnete er die Büchse der Pandora. Ein „Gesamtkunstwerk“ auf Sparflamme konnte nicht gut gehen. Er stiftete mit seinem Kurswechel heillose Verwirrung und setzte einen Transformationsprozess in Gang, der in den folgenden sechs Jahren ein neues technologisches, ästhetisches und ideologisches System schuf. Gern wird diese neue Epoche „Sozialistische Moderne“ genannt: Die Anwendung von Stahl, Glas und Beton unter sozialistischen Vorzeichen. In der bisherigen Forschung wird das immer als Bagatelle abgetan. Die Hinwendung zum Westen als quasi-Selbstverständlichkeit. So war es nicht ganz. Für die Zeitgenossen bedeutete es einen herben Einschnitt!  Privilegien gingen verloren, neue Ideen wurden geäußert, alte Weisheiten standen unter Beschuss und mussten sich verteidigen. Verfolgt man diese Entwicklung unvoreingenommen, d.h. nicht vom Ergebnis „Platte“ aus, eröffnen sich spannende zwischenmenschliche Konflikte und harte ideologische Machtkämpfe. Und dass am Ende ein Triumphator auf ganz leisen Sohlen daherkam, gibt der Auseinandersetzung eine schöne ironische Note.

Was ich mache, nennt sich „Diskursanalyse“. Ich verfolge Ideenstränge, schaue bei meinen gebauten Anschauungsobjekten auch auf noch so kleine Veränderungen und Details (meine Freundin liebt es, wenn ich über das rein subjektiv betrachtet nicht allzu spannende Chemnitzer Lutherviertel schwadroniere) und ordne die Debattenbeiträge in den Kontext der Machtverteilung zwischen Architekten, Bauingenieuren und Politikern ein. Der Spur der Macht zu folgen ist immer ein sicherer Weg. Dazu braucht es den politischen Hintergrund (z.B. 17. Juni, XX. Parteitag, Ungarn) und Wissen über die Prägung der Architekten, den Hintergrund der Technokratie und der Entwicklungen im Ausland. Das ergibt zusammen eine sog. Machtkonstellaton, die sich immer wieder veränderte und nach gut fünf Jahren eine neue Ideologie hervorbrachte.  Im Grund geht es darum, nicht nur aufzuschreiben, „was“ sich verändert hat (was einfach wäre), sondern Schritt für Schritt zu rekonstruieren, „wie“ und „warum“ sich Veränderungen zugetragen haben. Wie es sich das eben für eine historische Studie gehört.

Ich finde das Thema hochspannend, weil es eine der ganz wenigen Situationen in 40 Jahren DDR war, in der alles in Frage gestellt wurde. Ästhetik, Ideologie, Technik: nichts war mehr sicher, alles stand zur Debatte. Es ist faszinierend, Akten in den Händen zu haben, in denen man förmlich die Verzweiflung der Architekten spürt, die gar nicht mehr wussten, wie sie denn nun eigentlich noch bauen durften. Und in denen Technokraten eine neue Bautechnologie durchboxten, ohne dass sie eigentlich wussten, was sie taten. Und dann gab es ja noch die Partei, die herrlich hilflos am Straßenrand stand und die Entwicklung an sich vorbeiziehen ließ. Das gesamte ideologische Koordinatensystem war zusammengebrochen und es war völlig unklar, was aus diesem Trümmerhaufen ästhetisch einmal erwachsen würde. Weder war die Tradition völlig tot, noch war zu Beginn absehbar, dass man zukünftig den Westen auch optisch überholen wollte.

Ob ich damit beim Science Slam eine Chance hätte, wage ich mal zu bezweifeln. Aber ich schreibe über ein Thema, das für unsere alltägliche ästhetische Erfahrung ganz entscheidend ist. Ohne diese Zäsur würden unsere Städte ganz anders aussehen und viele Probleme, denen sich der Städtebau in Ostdeutschland stellen muss, haben ihren Ursprung genau in dieser Zeit. Meinen Doktorvater Frank-Lothar Kroll von der TU Chemnitz und die „Gerda Henkel Stiftung“ konnte ich damit überzeugen. Aber dazu nächstes Mal mehr.

P.S.: Lieber Hermann Henselmann, ich bitte höflichst um Verzeihung, dass ich bei einem Ihrer Aufsatztitel stibitzt habe, aber „Aus der Werkstatt des Architekten“ (Deutsche Architektur 4/1952, S. 156-165) klingt einfach unheimlich gut. Und wenn ich Sie zitiere, geht das doch bestimmt in Ordnung!

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Responses

  1. Weiter so fleißig Quellen angeben, dann hast Du ganz lange Freude an Deinem Dr.!


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