Verfasst von: Toni | 16. April 2011

Aus der Werkstatt eines Doktoranden: Weimar!

… oder warum Chemnitz eigentlich super ist.

Letzte Woche war ich in Weimar. Na klar, ich hatte wieder im Archiv zu tun. Nur so viel: Die Professoren in den fünfziger Jahren besaßen einen bemerkenswerten Eigensinn und führten einen recht erfolgreichen Kampf gegen die Technokraten, die das Architektenstudium am liebsten ganz zusammengestrichen hätten, um sich eine loyale und zweckrationale Ingenieurselite heranzuzüchten. Chapeau!

Aber noch ein paar Worte zur Stadt selbst: Ich habe zum ersten Mal am eigenen Leib gespührt, was die Architekten der Klassischen Moderne in den 20er Jahren meinten, wenn sie vom „Bruch mit der Geschichte“ sprachen. Ich empfand das bisher als hysterisch und kleinlich, gerade wenn man im Kopf hat, was mit der stupiden und geschichtslosen Glas- und Betonarchitektur als Alternative dabei herumgekommen ist. So ganz unrecht hatten sie aber nicht. Man bedenke: Was wir heute an Geschichte in der Stadt haben, ist mit der damaligen Sitaution nicht vergleichbar. Sie ist heute für den Touristen postmodern wohl dosiert und normalerweise alltagstauglich. Selbst Dresden ist eine normale Großstadt, wenn man seinen Altstadtkern mit den Barockfassaden, dem Kopfsteinpflaster und den Stadtrundfahrtsbussen verlässt. Ist schön, schaut man sich gern an und geht dann doch zur Stärkung einen Milchshake im McDonald’s auf den Altmarkt trinken. Im Grunde konsumiert man die dargebotene Show und geht dann wieder zur Tagesordnung über.

Ganz anders Weimar, wo „Geschichte“ nicht nur ästhetisches Beiwerk, sondern normativer Maßstab zu sein scheint. Woher kommt das Gefühl? Beginnt es vielleicht schon im Kopf, wenn man die Stadt betritt? Lucas Cranach! Anna Amalia! Franz Liszt! Goethe! Schiller! Weimarer Republik! Bauhaus! Buchenwald! Auf wenigen Quadratkilometern Stadt sind ganze Menschheitsepochen geprägt worden! Aber das ist es nicht. Auch anderswo ist eine Menge passiert und doch stehen diese Städte (Berlin!) mit beiden Beinen in der Gegenwart oder richten ihre historische Identität (Dresden!) an einem Kernbereich aus. Außerhalb lebt man dann so lebendig wie bunt. Auch in Weimar fährt man zunächst durch die üblichen Außenbezirke mit Supermärkten und Autohäusern. Aber wie heißt die dazugehörige Straße? Henry-van-de-Velde-Straße! WTF? Wozu „belastet“ man einen solch banalen Ort mit einem derart hohen Anspruch? Hätte es nicht eine „Sonnenstraße“ auch getan? Nebenan gibt’s im Paket die Straßen Pauls Klees und Lionel Feinigers dazu. Es geht aber noch weiter: Muss es sein, dass jede zweite Fassade mit einem Klassikerzitat verziert ist? Und warum kleben auf Parkscheinautomaten Gedichte?

Seriously: WTF? Ich wollte doch nur einen Parkschein und nicht das volle Gewicht des Lebens auf meinen Schultern spüren!

Es scheint, als atme die ganze Stadt nicht nur den Geist ihrer Geschichte, sondern lebe ihn tatsächlich. Nicht nur für die Touristen, sondern fest im Alltag als Teil der eigenen Identität verwurzelt. Kultur ist natürlich ’ne gute Sache, aber nur wenn sie Potential und Kreativität freisetzt und nicht wie ein tonnenschwerer Rucksack auf einem lastet. Zu viel (Hoch-)Kultur, gerade wenn sie wie die Weimarer Klassik den Anspruch erhebt, ewige Werte und Harmonie zu verkörpern, kann auch einengen. Entschuldigt, liebe Weimarer, aber ich habe mich in Eurer Stadt nicht besonders wohl gefühlt. Das machten nicht einmal die vielen jungen Menschen und die schicke Dönerbude neben dem Deutschen Nationaltheater wett. Okay, mag sein, dass ich in zwei Tagen nicht alles mitbekommen habe, aber das war mein Eindruck. So wie die modernen Architekten in den zwanziger Jahren befreit und aufatmend vor ihren streng geometrischen Häusern standen, die zwar nicht mehr den klassischen Kategorien von Schönheit entsprachen, aber endlich frei von historischem Anspruch und strenger akademischer Begutachtung waren, war ich froh, wieder in Chemnitz zu sein. Wahrlich nicht schön, aber so voller Möglichkeiten und Freiheiten.

Graham Greene, der große britische Autor, hatte recht, wenn er sagte: „Keiner kommt von einer Reise so zurück, wie er weggefahren ist.“ Gelesen habe ich das wo? Natürlich an einer Weimarer Hauswand.

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Responses

  1. Warum ist das so? Damit Du Chemnitz super findest und in Dresden aus der Altstadt raus zum normalen Programm übergehst, wie Du so treffend schreibst.
    Die Städte müssen sich unterscheiden, um ihr Publikum zu finden. Und je weniger man da künstlich mit Marketinganstrengungen gestaltet, damit es funktioniert, um so besser.
    Weimar ist eben die Stadt mit dem hohen kulturellen Anspruch. Goethe lesen ist anspruchsvoller als Barock angucken.

  2. Bitte entschuldige, dass die Antwort so lange auf sich warten ließ, aber die WordPress-Mails landen von Zeit zu Zeit im Spam und entziehen sich deshalb meiner Aufmerksamkeit.

    Ich denke, es geht hier nicht um den Wert einer Epoche an sich. Auch eine Barockfassade versteht man nicht ohne Wissen über das politisch-gesellschaftliche Umfeld des 18. Jahrhunderts, weshalb der Klassizismus nicht unbedingt schwerere Kost ist.

    Vielmehr geht es darum, dass Weimar kaum zwischen Profanem und Kulturellem trennen scheint, sich quasi als Gesamtkunstwerk begreift. Und mir, der nicht wegen der Kutur, sondern wegen der Arbeit gekommen war, ging das tierisch auf die Nerven. Denn wenn ich morgens beim Parkscheinholen mit Zitaten und Gedichten bombardiert werde, signalisiert man mir damit, dass ich, anstatt in Akten zu blättern, lieber die Welt retten und mein Leben ändern solle. Kultur nicht als Angebot, sondern als penetrante Bürde. Ich hab es natürlich nicht befolgt, und damit gibt man mir das Gefühl, etwas falsch zu machen. Chemnitz macht das nicht, und (auch) deshalb ist es toll!

    Ich kann mir aber vorstellen, dass einige Besucher von Karl-Marx-Stadt vor der Wende ein ähnliches Gefühl beschlichen hat, wenn sie auf der Suche nach Vergnügen durch die Stadt spazierten und dann vor dem Marx-Denkmal gelandet sind, das dem Einzelnen ja die Verantwortung für das Gelingen der ganzen Weltrevolution aufbürdete. Die Zeit der Gewissensbisse ist hier aber zum Glück vorbei.


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