Verfasst von: Toni | 22. Juni 2011

Aus der Werkstatt eines Doktoranden: Staatssicherheit und Architekten

Puuh, zwei Tage im Stasi-Unterlagen-Archiv (heißt die Behörde jetzt eigentlich „Jahn-Behörde“?) liegen hinter mir. Zwei desillusionierende Tage, möchte ich betonen. Ich hatte vorher noch nie an solchen Akten gesessen, habe auch keinen“Stasi-Fall“ in meiner Familie oder im Freundeskreis. Ich besaß nur ein gewisses Grundwissen über die Staatsicherheit und natürlich bekommt man im Fernsehen etwas mit, wenn mal wieder ein prominenter Fall aufgedeckt wird. Ich ging also recht unvoreingenommen an die Akten heran.

Ich bin einfach nur enttäuscht. Ich verfolge in meiner Arbeit ja Debatten über die Architekturentwicklungen in den späten 50er Jahren und man entwickelt dabei ganz automatisch eine gewisse Sympathie für bestimmte Leute. Sei es, weil sie in entscheidenden Situationen den Mut fanden, etwas Neues, Kritisches zu sagen, einen besonders gelungenen Entwurf vorlegten oder weil sie gegen einen besonders mächtigen (aber dämlichen) Kollegen den Kürzeren zogen. Die Stasiakten vermitteln ein ganz anders Bild: Arschlöcher, die sich hinter ihrem Rücken bei der Stasi angeschwärzt haben. Und ich glaube nicht selten, um persönliche Vorteile daraus zu schlagen. Namen darf ich nicht nennen (glaube ich, es ist aber auch egal), aber es gab kaum jemanden, der „nein“ gesagt hat, wenn die freundlichen Herren des MfS an die Tür klopften und um Hilfe baten, den Klassenfeind im Büro zu bekämpfen. Man möchte auf ihre Gräber spucken.

Eine lustige Geschichte gab’s dann aber doch noch. Seit 1953 wurde zunächst zaghaft, dann ab 1955 offensiv die „Industrialisierung des Bauwesens“ gefordert. Im Ministerium für Aufbau kam dies aber so zögerlich an, dass man bei der Staatssicherheit vermutete, in der Führungsspitze einen westlichen Agenten sitzen zu haben, der das ganze bewusst torpediert. Nach drei Jahren intensiver Beobachtung, in denen man zahlreiche fragwürdige Kontakte zu Tage förderte und die frühere SS-Mitgliedschaft des Mannes bewies, musste man aber eingestehen, dass er einfach nur ein kompletter Idiot war, der von seinem Job keine Ahnung hatte. Er wurde dann von seinem Bürokratensessel entfernt und durfte eine ganze Stadt mit aufbauen (die, im Übrigen, während seiner Amtszeit keine besondere ästhetische Weiterentwicklung erfahren hat). Ein Hoch auf den Sozialismus!

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